Das Flugzeug ist ein hervorragendes Symbol unserer technischen Zivilisation, hyperkomplex und banal zugleich, ein dichtes Gewebe hochspezialisierter Systeme aus über einer Million Teilen, das uns eine triviale Benutzeroberfläche entgegenkehrt: Es behauptet munter, ein Restaurant mit Shopping-Möglichkeiten zu sein! Der Kauf eines Flugtickets ist eine Wette auf die Zuverlässigkeit der wissenschaftlichen Weltsicht. Wer an Bord eines Flugzeugs geht, stimmt ihr zu, mag er auch heimlich an morphogenetische Felder und die schädlichen Einwirkungen des Elektrosmogs glauben und sein Leben nach den Mondphasen ausrichten. Selbst der Passagier, der es für angemessen hält, bei Start und Landung die Hilfe Allahs zu erbitten, wie dies manche Airlines durch Gebetsvideos tun, wird doch hoffen, daß die Konstrukteure sich bei ihren Berechnungen nicht allzusehr auf IHN verlassen haben.

Ob die Aufklärung eines Flugzeugunfalls gelingt, ist heute eine dramatische Probe auf die Möglichkeit von Aufklärung überhaupt - und damit auf unser Zutrauen zur technischen Welt, in der wir leben wie in einer zweiten Natur.

Welch ein Thema für Michael Crichton, der in seinen Thrillern dem Unbehagen in der Kultur nachspürt - in Gestalt der Gefahren der genetischen Forschung ("Jurassic Park"), des asiatischen Wirtschaftsimperialismus ("Die Wiege der Sonne"), der sexuellen Belästigung als Waffe im Geschlechterkampf ("Enthüllung"). Die Spannung seines neuen Thrillers "Airframe" (Karl Blessing Verlag, München 1997 444 S., 45,- DM) speist sich denn auch aus der Frage, ob ein tragischer Vorfall (drei Tote, vierzig Verletzte) an Bord des Fluges 545 der Transpacific Airlines aufgeklärt werden kann.

Der Ruf der Herstellerfirma und damit Zehntausende Jobs hängen davon ab.

Crichton hält eine tröstliche Botschaft bereit: Wir können am Ende verstehen, was bei dem Unglücksflug schiefgelaufen ist (menschliches Versagen). Nun könnte man sich mit ideologiekritischem Besteck über dieses Lob der instrumentellen Vernunft hermachen - geschenkt!

Es geht hier nämlich nicht eigentlich um Flugzeuge, es geht in diesem Roman im Kern um Funktion und Moral der Massenmedien, und das heißt vor allem: des Fernsehens. Die Fernsehleute stehen in der Welt Crichtons, anders als die tapfer-sachlichen Ingenieure, auf der Seite der Gegenaufklärung. Sie kommen mit Scheinwerfern zu Interviews, aber sie wollen kein Licht in die Angelegenheit bringen, sie sind im Gegenteil Dunkelmänner, Agenten der Unmündigkeit.

Sie machen aus bedauernswerten, kompliziert zu rekonstruierenden Vorfällen einfache moralische Geschichten mit Guten und Bösen.