Manche Bankkunden haben mit Bären eines gemeinsam: Sie meinen, daß Ereignisse in der Zukunft keinen rechten Wert haben - selbst wenn das Erreichbare in der Zukunft wesentlich wertvoller ist als in der Gegenwart. Beim Bären ist diese Tendenz meistens sinnvoll.

Findet er im Wald unreife Früchte, sollte er sie lieber sofort fressen. Wartet er ab, könnten sie zwar süßer werden, möglicherweise aber pflückt sie auch ein Hirsch oder zermatscht sie ein Hagelschauer.

Für Bankkunden ist die Zukunft dagegen berechenbar. Sie können relativ sicher sein, daß langfristig angelegtes Geld im Vergleich zu kurzfristig angelegtem mehr Zinsen bringt und nach der Laufzeit auch noch vorhanden ist. Trotzdem entscheiden sie sich oft gegen die Geduld.

Solche Beispiele zitiert die amerikanische Psychologin Alexandra W. Logue in ihrem neuen Buch "Der Lohn des Wartens" (Spektrum - Akademischer Verlag, Heidelberg 1996 264 S., 39,80 DM). Sie beschäftigt sich mit den Entscheidungstendenzen von Menschen und Tieren, wenn es um Dinge geht, deren Wert mit Warten steigt: Neigen wir eher dazu, den Spatz in der Hand oder die Taube auf dem Dach zu bevorzugen? Logues Buch zeigt, daß ein Großteil unseres Lebens aus solchen Entscheidungen besteht: Sollen wir jetzt schnell etwas Süßes essen oder lieber später etwas Richtiges? Sofort die schicke neue Jacke kaufen oder doch für die Rente sparen? Heute Profit machen oder die Umwelt für morgen schützen?

Die richtige Entscheidung hängt immer davon ab, wer sie unter welchen Umständen zu treffen hat. Warum sich Geldanleger oft so verhalten wie Bären, erklärt die amerikanische Psychologin fundiert, logisch klar und amüsant zugleich: alles eine Frage der Selbstkontrolle.

Dabei erläutern leicht verständliche Beispiele die spröde wissenschaftliche Theorie, und ausführliche Literaturangaben laden zum Weiterlesen ein. Außerdem leitet Logue aus den vorgestellten Entscheidungsmodellen mehrere Möglichkeiten ab, wie man impulsives oder auch kontrolliertes Verhalten verändern könnte, um beispielsweise Fettleibigkeit, hohe Verschuldung oder Drogenabhängigkeit zu vermeiden.

Logue geht es dabei keineswegs um eine psychologisch untermauerte Lobrede auf die puritanische Doktrin, Selbstkontrolle sei für das Gemeinwohl unabdingbar. Das äußerst gelungene Buch hält allerdings ein Plädoyer für langfristiges Denken im Alltag, in der Politik und der Wirtschaft, in Lehre und Forschung.