In den Top Twenty der politischen Schlagworte der letzten Jahre wurde eines immer wieder vergessen - Salamitaktik. Ob nun der bündnisgrüne Bundestagsabgeordnete Winfried Nachtwei als Stichwortgeber gelten darf oder nicht, die Palme gebührt Verteidigungsminister Volker Rühe und seinem Spiritus rector, dem vormaligen Generalinspekteur Klaus Naumann. Beide haben, so der Befund der gut recherchierten und didaktisch sorgfältig aufbereiteten Studie des Rüstungskritikers Jürgen Grässlin, seit 1991 zielstrebig und unter Täuschung der Öffentlichkeit die Umgründung der Bundeswehr zu einer weltweit einsetzbaren Kampftruppe betrieben. Mit Erfolg, wie die Beschlußfassung des Bundestages am 13. Dezember des vorigen Jahres signalisierte.

Mit der SFor-Mission steht die Bundeswehr als gleichberechtigter Partner mit Bodentruppen und Kampfauftrag in den Reihen der Nato- Verbände in Bosnien.

Was vor fünf Jahren undenkbar schien, ist ohne große Kontroversen erfolgt. Die Öffentlichkeit schläft, die politische Opposition ist desolat. Das "Jahrzehnt der Abrüstung" liegt offenbar hinter uns. Neue qualitative Aufrüstungen mit High-Tech-Waffen sind angeschoben, und die Rüstungsexporte schreiben satte Zuwachsraten. So die bitteren Tatsachen.

Das Fragezeichen hinter der Titelfanfare ist für Grässlin nur noch eine milde Zutat von Restskepsis. Die Weichen, daran läßt er keinen Zweifel, sind gestellt. Im März 1991 fand die Premiere eines "humanitären" deutschen Militäreinsatzes mit Minensuchern im Persischen Golf statt, vier Jahre später gelang mit dem "Täuschungsmanöver Tornado" der verfassungsrechtliche Durchbruch zu Auslandseinsätzen out of area. Hinter dem Rücken der Verfassungshüter, so Grässlin, hatten Militärs und Politiker vollendete Tatsachen geschaffen.

Das riecht verdächtig nach Verschwörungstheorie, und der Verfasser versteht es nicht immer, diesem Eindruck zu entgehen - so wenn von einem "Stufenplan" zu Kriegseinsätzen, vom "Diktat der Militärs", von Marionetten und Camouflage die Rede ist. Dennoch bleibt der erhärtete Befund, daß die Konstruktion von "politischen Sachzwängen", militärischen "Risiko- und Bedrohungsanalysen" und rüstungswirtschaftlichen Selbstläufern nicht nur der öffentlichen Meinungsbildung, sondern auch der politischen Legitimationsbeschaffung ein weniger gutes als vielmehr problematisches Stück vorausgeeilt ist. Auch das ein Verlust des Politischen, nicht weniger wie in der Debatte um Euro, Standort oder Globalisierung. Zur Klärung dieser Defizite ist Grässlins Buch unverzichtbar.

Schade nur, daß im Schwung der Kritik nicht nur überzeichnet wird (das ist legitim), sondern auch keine Wahrnehmungsschärfe gegenüber den brisanten Gestaltungsproblemen einer neuen Wehrstruktur und Wehrverfassung besteht. Da schimmert dann doch das alte friedensbewegte Tabu durch, das nur gestattet, über Armeen, Kampf und Krieg affektiv, aber nicht analytisch oder politisch zu reden.

Welche Bundeswehr soll's denn sein? Wie gerüstet und für welche Missionen? Es reicht heute nicht mehr (wenn's denn je zureichend war), Politikern und Militärs fünfprozentige Abrüstungsforderungen vor die Füße zu werfen. Um nur die Krisenreaktionskräfte zu nennen: Sie sind nicht nur zu aufwendig und teuer projektiert, sondern in ihrer Fixierung aufden angeblich eindeutigen "Ernstfall" eines Kampfauftrages einfach schlecht, weil falsch und unflexibel konzipiert.