Aktionäre sind doppelt dumm, befand der Berliner Bankier Hans Fürstenberg zu Beginn unseres Jahrhunderts: "Diese Leute sind nicht nur aberwitzig genug zu investieren, sondern sie haben auch noch die Chuzpe, Dividenden zu erwarten." Fürstenbergs Spur folgte kürzlich Jürgen Förterer. Er entdeckte einen dritten Dummheitsfaktor - die Wertentwicklung: Langfristig würden Aktien von festverzinslichen Wertpapieren geschlagen, behauptet der Vorstandsvorsitzende der genossenschaftlichen R + V-Versicherung. Da stellt sich die Frage: Wozu noch in riskante Aktienanlagen investieren, wenn Rentenpapiere eine sichere und obendrein höhere Rendite versprechen?

Solcher Renteneuphorie widerspricht eine neue Hitliste des Bundesverbandes Deutscher Investment-Gesellschaften (BVI), die Mitte dieser Woche veröffentlicht wurde. Die durchschnittliche Wertentwicklung von Aktienfonds war danach im vergangenen Jahr deutlich besser als die von Rentenfonds. Der erfolgreichste Rentenfonds (DIT-Kapital Plus von der Dresdner Bank: 16,9 Prozent Zuwachs) würde sich gerade mal im unteren Aktien-Mittelfeld plazieren. Gewinnträchtigster Aktienfonds im "Jahr der Börse" wurde der DVG-Fonds A von der Deutschen Vermögensbildungsgesellschaft (45,9 Prozent).

Leider ist das menschliche Gedächtnis kurz. So verdrängen die Rekordmeldungen vom New Yorker und Frankfurter Aktienmarkt ebenso wie die erfolgreiche Börsenplazierung der Telekom einige ältere Meldungen: 1995 brachte den deutschen Rentiers eine Verzinsung von knapp siebzehn Prozent, vorausgesetzt, sie nutzten die Kursdifferenzen auf dem Markt für festverzinsliche Papiere. Aktien brachten es dagegen im selben Jahr nur auf ein bescheidenes Plus von knapp fünf Prozent. In den vergangenen 46 Jahren gab es immerhin 16 Jahre, in denen die deutschen Aktienkurse ein Minus auswiesen, zuletzt 1994.

Versicherungsmanager Förterer sind solch langfristige Betrachtungen durchaus sympathisch. Keineswegs würden Aktien auf lange Sicht die Geldanlage in festverzinslichen Wertpapieren schlagen - wie gemeinhin Banker, Anlageberater und Finanzmedien behaupteten.

Vielmehr, so Förterer, hätten "festverzinsliche Wertpapiere seit 1959 eine höhere Rendite erwirtschaftet als Aktien". Das blieb freilich nicht unwidersprochen. Im Auftrag der Zeitschrift Capital warf Professor Richard Stehle von der Berliner Humboldt-Universität Förterer einen falschen Vergleichszeitraum, einen mangelhaften Börsenindex sowie die Mißachtung des Steuersatzes vor. Stehle: "Je länger der Anlagehorizont, desto deutlicher ist der Renditevorteil der Aktie."

Doch das letzte Wort ist damit keineswegs gesprochen. Auch Stehles Berechnungen sind nicht makellos. Sie können es auch gar nicht sein. Beispiel Börsenindex: Der Deutsche Aktienindex (Dax) erfaßt erst seit Januar 1988 das Börsengeschehen. Der Dax berücksichtigt dabei auch die Dividendenzahlungen der Konzerne. Andere Aktienindizes, die bis in die fünfziger Jahre zurückreichen, tun dies nicht, bewerten also die tatsächliche Aktienrendite zu niedrig. Stehle rechnete daher den Dax zurück. Aber auch damit wird der deutsche Aktienmarkt nicht vollständig erfaßt. Im Dax sind ja nur die dreißig wichtigsten Aktiengesellschaften erfaßt. Somit bilden sowohl Dissident Förterer als auch Mainstream-Autor Stehle nur einen Teil der Wirklichkeit ab.

Zum Ergebnis eines Renditevergleichs trägt schließlich auch die Berechnungsmethode bei. Das geometrische Mittel begünstigt die Festverzinslichen, das arithmetische Mittel dagegen die Aktie.