Seoul Seouls Vater Courage steht täglich am Fuß der Treppen, die zur Myongdong-Kathedrale hinaufführen. Wie sein weibliches Pendant aus Brechts Drama scheut er die Nähe des Kampfes nicht. Er braucht ihn ja, um sich etwas zu verdienen. Je mehr Kampf, desto besser für Vater Courage. Im Moment läuft das Geschäft mehr als zufriedenstellend.

Seine kleine Marketenderei hält nur eine Ware feil, aber das ist derzeit die wichtigste für alle, die sich nahe der Kathedrale aufhalten: ein kleines hellblaues Stofftuch, das man mit Hilfe von vier weißen Bändchen hinter den Ohren befestigen kann. So bedeckt es Mund und Nase. Im Schatten der Kathedrale hat das Tuch den Nutzen, die Atemwege zuverlässig vor Tränengas zu schützen.

Vater Courage ist kein Marktschreier. Etwas verdruckst macht er sich an die Kunden heran, als sehe er einen Grund, nicht ganz so deutlich hervorzutreten. Er ist immer freundlich und gibt das Wechselgeld akkurat heraus. Allerdings mußte er nun teurer werden.

Am Sonntag war ein Mundschutz für dreihundert Won zu haben, umgerechnet sechzig Pfennig. Am Dienstag, als sich der Protest gegen das neue Arbeitsgesetz in Südkorea ausweitete, verlangte Vater Courage mit treuem Blick fünfhundert Won. Kampfeszeiten sind Inflationszeiten.

Er kennt nicht Freund, nicht Feind. Zwar mischt er sich gerne unter die Protestierer auf der Treppe, nimmt aber auch das Geld der Spitzel, die sich gegenüber an die Hauswand drücken und hochgradig desinteressiert herüberäugen. Man mag in ihm eine Art Kriegsgewinnler sehen, doch wenn die Stunde der roten Augen schlägt, ist ihm jeder, der sein Kunde war, unendlich dankbar.

Tränengas reizt auch den Rachen, und sobald die erste Patrone abgefeuert ist, beginnt bei denen, die fünfhundert Won sparen wollten, ein allgemeines Husten und Spucken. Gegen Tränen allerdings hat auch Vater Courage kein Mittel.

Es wird derzeit viel geweint in Seoul, und das liegt ausgerechnet an einem Mann, der selbst weiß, wie es sich anfühlt, wenn einen dieses fiese Tier mit seinen spitzen Zähnen in die Augen beißt.