Sylvia R. hat zwei Söhne, Marco und Timo. An einem Vormittag kurz vor Weihnachten 1995 öffnet der fünfjährige Marco das Fenster seines Kinderzimmers, klettert auf den Sims und stürzt aus dem dritten Stock auf den betonierten Hinterhof. Der Junge ist sofort tot. Nun steht seine 31jährige Mutter wegen fahrlässiger Tötung vor dem Hamburger Schöffengericht, weil sie es unterlassen hatte, das Fenster mit einem abschließbaren Griff zu sichern.

Ihr verweintes Gesicht versteckt die kleine Frau hinter ihrem hochgeschlagenen Mantelkragen. Sylvia R. sagt kein Wort. Marcos Vater, der Ehemann von Sylvia R., saß an dem Unglückstag im Gefängnis, im Bett von Frau R. lag Andreas S. In seiner Rolle als Zeuge fühlt sich der blonde Mann nun sichtlich unwohl. Sylvia R. habe er abends im "Otzentreff" kennengelernt, beginnt Andreas S. "Eigentlich wollte der Manni ja Sylvia nach Hause begleiten", erinnert er sich dunkel. Daraus sei aber irgendwie nichts geworden, so sei schließlich er bei Frau R. "gelandet".

In der Wohnung habe Timo, der ältere Sohn, noch morgens um sechs vor dem Fernseher gesessen. Frau R. habe den Jungen angeherrscht: "Verschwinde! Hau ab ins Kinderzimmer!" Danach verzogen sie sich ins Schlafzimmer. "Wir waren so alkoholisiert, ich bin gleich eingeschlafen." Aufgewacht sei er, als der Junge neben dem Bett stand und weinte: "Der Marco ist tot."

Der nächste Zeuge, Helmut F., ist seit sechs Jahren mit der Mutter von Sylvia R. verlobt. "Meine Verlobte kriegt 'ne schöne Witwenrente, da muß man sich das überlegen mit der Ehe", erklärt der Lagerarbeiter seine Verhältnisse. Zum Fall erklärt Herr F., früher habe Sylvia einmal einen abschließbaren Fenstergriff anbringen lassen. "Mußte auch sein, denn Marco war ein richtiger Klettermaxe. An den Heizungsrohren hoch und auf die Möbel ruff!" Im Sommer 1995 habe "der kleine Wilde" in der Wohnung "gezündelt". Nach dem Brand sei dann nur noch ein Fenster mit einem einfachen Griff eingebaut worden.

Dafür habe Sylvia regelmäßig die Kinderzimmertür abgesperrt, wenn sie "Männerbesuch" hatte. Für solche Fälle habe Sylvia sogar extra einen Nachttopf für die Kinder besorgt. Kinderzimmer und WC besitzen nämlich eine Tür, nur ausgerechnet das Schlafzimmer nicht. Da kann es auch der Richter nachvollziehen, Kinder bei unpassenden Gelegenheiten wegzusperren.

Karin A. lebt in der Wohnung über Sylvia R. Die Raumpflegerin schätzt ihre Nachbarin nicht besonders. "So was ist für mich keine Mutter!" stellt die Zeugin klar. Die Kinder in der Etage unter ihr hätten "immer viel geweint. Man hörte auch mal einen Klaps."

Häufig ausgesperrt, hätten Timo und Marco schon mal ins Treppenhaus gemacht. An dem Morgen des Unfalls will Frau A. mehrmals ein "Mami, Mami, laß mich raus, ich muß mal" gehört haben.