Tourismus und Hochgebirge - bei diesen Stichworten rasten die Klischees ein: Wir denken an Landschaftszerstörung, Pseudofolklore und an den drohenden Ausverkauf der Alpen. Alles nur zu wahr - und zugleich bloß ein Ausschnitt der Realität. Der von Kurt Luger und Karin Inmann herausgegebene Band Verreiste Berge. Kultur und Tourismus im Hochgebirge (Studien Verlag, Innsbruck 360 S., 64,- DM) führt über eingefahrene Vorstellungen hinaus. 27 Wissenschaftler, Journalisten und Entwicklungsexperten informieren umfassend über Zusammenhänge. Von kulturtheoretischen Aspekten des Fremdenverkehrs ist ebenso die Rede wie von der Geschichte der Alpenmusik, von Architektur und von Umweltprojekten. Das geographische Spektrum umfaßt die Alpen, den Himalaya, die Kilimandscharoregion, die Anden und die Hohe Tatra.

Gängige Vorstellungen werden ganz besonders von den Geographen Werner Bätzing und Manfred Perlik erschüttert. Ihre Studie über Tourismus und Regionalentwicklung weist zunächst nach, daß die Alpen keineswegs vollständig für den Fremdenverkehr erschlossen sind, wie man gemeinhin annimmt. Vielmehr ist fast jede zweite Ortschaft vom Tourismus nahezu oder völlig unberührt. Nur ein Fünftel aller Gemeinden wird vorwiegend durch den Urlaubsbetrieb geprägt. Das bedeutet nun allerdings nicht, daß in den nichttouristischen Ansiedlungen das ländliche Idyll herrscht. Im Gegenteil: Es handelt sich dabei häufig um Pendlergemeinden, in denen Straßen- und Wohnungsbau der Landschaft noch tiefere Wunden schlagen als in den Fremdenverkehrsgebieten - oder um einsame, sich langsam entvölkernde Dörfer ohne wirtschaftliche Basis. Die Alpenregion, so folgern die Autoren, entwickelt sich in zwei entgegengesetzte Richtungen: einerseits zur Verstädterung, andrerseits zur Verödung. Die klassischen Gebiete der glücklichen Kühe, der Sennen und des Almabtriebs werden zwischen diesen Polen langsam aufgerieben. Landschaft und Sozialstruktur des Gebirges sind nicht in erster Linie durch den Fremdenverkehr bedroht vielmehr löst der gesellschaftliche Modernisierungsprozeß - ganz unabhängig vom Tourismus - die alten Gemeinschaften und Naturräume auf.

Eine vernünftige Tourismusplanung böte die Chance, solchen Entwicklungen entgegenzuwirken und den traditionellen Charakter der ländlichen Gebirgsregionen zu stützen. Allerdings gibt es dafür keine Patentrezepte.

Schematische Vorstellungen helfen nicht weiter wichtig ist die genaue Berücksichtigung der unterschiedlichen örtlichen Verhältnisse.

Die grundsätzliche Ambivalenz des Urlaubsbetriebs kommt auch in den anderen Beiträgen des Buchs zum Ausdruck. Tourismus ist für die Hochgebirgsregionen weder schlecht noch gut entscheidend sind seine konkreten Formen. In diesem Sinn wirken die Erfahrungsberichte über gelungene Vorhaben eines umwelt- und sozialverträglichen Tourismus, wie es die Entwicklungsprojekte der Salzburger Organisation ÖkoHimal im Himalaya sind, besonders anregend - und ermutigend.

Touristen, das zeigt dieser lesenswerte Sammelband, sind nicht notwendig Landschaftsfresser.