Die Amtseinführung eines amerikanischen Präsidenten ist immer wieder eine prächtige Premiere. Wenn Bill Clinton am kommenden Montag seine zweite Inauguration erlebt, wird auf den Pomp jedoch ein peinlicher Schatten fallen. Skandale machen dem neuen und alten Herrn im Weißen Haus schon seit langem zu schaffen. Nichts aber bedroht die Würde und Autorität des 42. Präsidenten so sehr wie die Beschuldigungen, die just zum neuen Auftakt wieder Aktualität gewinnen.

"William Jefferson Clinton v. Paula Corbin Jones" heißt die Chiffre für einen Fall, der von Indezenz trieft und eine verfassungsrechtliche Grundsatzfrage aufwirft. Genießt ein amtierender Präsident Immunität gegen Zivilklagen? Oder muß er sich Gerichtsverfahren stellen wie jeder andere Bürger auch? Der Oberste US-Gerichtshof steht vor einer Entscheidung ohne Beispiel. Sie könnte weitreichende Folgen für die Präsidentschaft haben, weil sie den Schutz der Amtsinhaber vor der Willkür politischer Gegner wie auch die Balance zwischen Exekutive und Judikative definiert. Hinzu kommt, daß gleichzeitig die Interessen des möglichen Opfers an einem fairen und frühen Verfahren gewahrt werden müssen.

Nie zuvor sah sich ein Präsident vergleichbaren Anschuldigungen ausgesetzt. Die Klage von Paula Jones, einer ehemaligen Regierungsangestellten von Arkansas, gegen den damaligen Gouverneur des Staates gewinnt nicht nur wegen der behaupteten sexuellen Belästigung (mit heruntergelassenen Hosen) Brisanz. Die Konstellation - der mächtigste Mann der Welt gegen eine einfache Frau - provoziert auch erzrepublikanische Empfindlichkeiten. Ein Führer, der über dem Gesetz steht? Das wäre Amerika nicht zuzumuten.

Wie immer das Verdikt des Supreme Court im Sommer auch ausfällt, das Thema Paula und der Präsident wird Clinton noch mehr Ansehen, Geld und Nervenkraft kosten als schon bisher. Mit den notorischen Vorwürfen wegen der Whitewater-Immobilienpleite, der FBI-Affäre über politische Konkurrenten und der Wahlkampfspenden von Ausländern könnte sich die Sex-Affäre zu einem Alptraum für die nächsten vier Jahre bündeln.

Die Hoffnung des Präsidenten, beim zweiten Anlauf den Sprung auf ein möglichst hohes Podest in der Geschichte zu schaffen, erfährt so einen Dämpfer. Wenn Thomas Jefferson recht hat und moralische Autorität tatsächlich das wichtigste präsidiale Instrument ist, steht Clinton II mit ziemlich leeren Händen da. Die von ihm projektierte "Brücke ins 21. Jahrhundert" könnte mangels Autorität ins Nichts führen.

Doch wo Ranküne und wirkliche Sünden ihn bedrängen, bleibt Clinton immer noch die Flucht nach draußen. "Bist Du in Schwierigkeiten, reise", lautet nicht ohne Grund ein Ratschlag an bedrängte Präsidenten.

Für den Führer der Supermacht gibt es genug zu tun. Ein Präsident, gefangen im Dickicht von Verachtung und Verdacht, bietet gewiß nicht nur den Amerikanern eine beunruhigende Perspektive. Ein Trost: Bill Clintons Charakterbild schwankt schließlich schon länger in den Augen seiner Zeitgenossen. Das hat sie nicht gehindert, ihn wiederzuwählen.