Läßt sich Geschichte künstlerisch bewältigen? Und was ist überhaupt Geschichte - das, was man möchte, also die Utopie, oder was man nicht möchte, die chaotische Wirklichkeit? Fragen, die sich anläßlich der Ausstellung "Face a l'Histoire" stellen, des ehrgeizigen Unternehmens des Centre Georges Pompidou in Paris, das die Konfrontation des Künstlers mit der Zeitgeschichte zwischen 1933 und heute aufrollt.

Warum diese Spanne? Weil, erklärt der verantwortliche Kurator Jean Paul Ameline, sich der moderne Künstler in den dreißiger Jahren in seinem unabhängigen Tun, ja in seiner Existenz überhaupt bedroht fühlt und seither eine Engführung zwischen Geschehen und ästhetischer Reaktion im weitesten Sinn besteht. Diese kann der Geschichte nachhinken, ihr aber auch vorgreifen wollen, haben sich doch nicht wenige Artisten politischen Ideen verschrieben, die auf die Herbeiführung einer besseren Zukunft abzielten. Verschiedene Haltungen sind denkbar: Zeuge, Mit- oder Bekämpfer, Visionär, um die wichtigsten zu nennen. Und da im gewählten Zeitraum die Geschichte eine dramatische Beschleunigung erfuhr, Machtblöcke, Ideologien sich aufblähten und wieder zusammenfielen, das koloniale Zeitalter in blutigen Auseinandersetzungen zu Ende ging, regionale Nachfolgekonflikte und globaler Kalter Krieg, teilweise ineinander verfilzt, den Zweiten Weltkrieg ablösten oder auf andere Weise fortsetzten, handelt es sich um ein Übermaß an Geschichte, um eine schier unübersichtlich gewordene Aufsplitterung.

Dank der lukrativen Verfügbarkeit von Kriegsmaterial überall auf dem Planeten herrscht heute, hier aufflammend und dort wieder verlöschend, der Kampf als Dauerzustand. Dem Ende der Geschichte, nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums voreilig ausgerufen, sind Geschichten ohne Ende gefolgt. Denen der Künstler heute wie jeder von uns als ohnmächtiger Zuschauer beiwohnt. Historie, ob in Bosnien, am Golf, in Tschetschenien, Ruanda oder wo immer, findet heute in den Medien statt und macht uns zu Voyeuren, was sich im kühlen Horror der Kunstwerke aus den Jahren 1980 bis 1996 ausdrückt.

Andererseits liegt hier auch die Rechtfertigung einer solchen Schau nach all den Bilanzen über Faschismus, Stalinismus und Widerstand in diesem Jahrhundert. Alles geht ja ungerührt weiter, das immer neue Explodieren ethnisch oder religiös motivierter Spannungen macht einen derartigen Rückblick, der den im Dasein und Sehen Fortgeschrittenen manches Déja-vu beschert, für die Jüngeren zum schon fast obligatorischen Intensivkurs in politischer Geschichte.

Für das Ausstellungsteam ergab sich durch die Fülle der Ereignisse und des Materials eine halbwegs objektive Einteilung in vier Perioden und eine entschieden subjektive Auswahl der Werke. Der Anfang (1933-1945), der es mit dem Aufstieg der Diktaturen, mit Spanischem Bürgerkrieg, Verfolgung, Emigration und Zweitem Weltkrieg zu tun hat, ist am besten bekannt, obwohl hier die generelle Ausleihmüdigkeit bei bekannten Meisterwerken das Finderglück auch wieder stimuliert hat und von den Rändern her beklemmende Einsichten gelingen. Alptraum und Katzenjammer der Nachkriegsjahre - die Lager, das zerstörte Europa, Atombomben, Massenverschleppungen - ließen viele an den bewährten Kunstmitteln zweifeln. Straßen und Wände wurden zum künstlerischen Schauplatz, Abfall und Aktion als historisches Material thematisiert. Die Vorgänge in Kuba, Korea, der Vietnamkrieg, Algerien, die nukleare Bedrohung und das Umweltproblem forderten neue Strategien und Gruppierungen, ja überhaupt ein Überdenken des klassischen Engagements. Man hat es nicht mehr direkt mit Geschichte, sondern mit ihrer Vermittlung zu tun. Aus politischer Kritik wird Medienkritik. Entsprechend verlagert sich das Schwergewicht von Malerei, Collage und Skulptur immer mehr auf Environments, Photographie und Reproduktionsästhetik, die als letzte Illusion das Dabeisein suggeriert.

Ein Abriß wie dieser kann den Reichtum der Ausstellung und ihre sie oft fast sprengenden Widersprüche der Stile und Positionen nur andeuten. Mit einer beschreibenden Aufzählung wäre wenig erreicht. Man muß eintauchen jeder wird fündig oder widerborstig, sobald er sich ins Labyrinth der über 450 Arbeiten begibt, durch das sich als Ariadnefaden ein Laufsteg mit den damaligen illustrierten Zeitschriften als prägende aktuelle Information zieht. In der Gegenwart tritt an die Stelle dieser dokumentarischen oder inszenierten Photographie das Fernsehbild.

Läßt sich Geschichte also künstlerisch bewältigen? Ihre Katastrophen und politischen Mißbräuche haben in der Moderne einschneidende Werke des Protests gezeitigt. Ihre Glücksmomente dagegen blieben stumm, ob es um die Befreiung von Hitler und Stalin, um die Unabhängigkeit ehemaliger Kolonien, die Rückkehr zur Demokratie auf der Iberischen Halbinsel und in Südamerika, das Ende der Apartheid, die Annäherung zwischen Israel und Arabern, den Fall der Berliner Mauer oder die Vereinigung Deutschlands geht. Freude, Friedensfeier ist kein Thema der modernen Kunst mehr, die sich nur im Widerspruch, im Widerstand definieren kann, nicht als Konsens oder momentane Harmonie wie vor ihrer Zeit. Das macht die Ausstellung im Centre Pompidou tragisch und düster wie die Abfolge von Kalamitäten in der "Tagesschau".