Wie ein Geschwür bricht der grellbunte Flachbau aus dem matten Einerlei des Melbourner Stadtteils Fitzroy. Wände, Türen und Dach sind schwarz, rot, golden überstrichen. Auch die Fenster sind in denselben stechenden Ölfarben zugemalt. Der dreifarbige Bungalow am anderen Ende der Welt aber verkörpert weder ein Stück Deutschland noch die rührselige Erinnerung heimatverlorener Australieneinwanderer.

Er ist nur eine Toilette, und es waren Aborigines - australische Ureinwohner -, die das öffentliche Klo besetzt und in ihren Nationalfarben getüncht haben: Schwarz für den Ton ihrer Haut, Rot für die Farbe der Erde und Gold für die blendende Sonne, die wie eine Flamme am australischen Himmel brennt.

Den Bau umlagert eine Gruppe Aborigines: struppige Haare, zerzauste Rastazöpfe, T-Shirts mit Totenköpfen. Früher einmal waren die Aborigines Nomaden. Im weißen Australien aber bedeutet homeless obdachlos. Die schwarzen Ureinwohner betteln fordernd, rauchen geschnorrte Zigaretten, trinken Wein aus Plastikbeuteln und Wodka aus Pappbechern. Ihre Anführerin heißt Milli. Sie ist Anfang Vierzig, faßdick und lebt seit ihrer Geburt in Melbourne. Millis Zähne sind verfault, die Fingernägel tiefrot lackiert, die mattschwarzen Arme mit blauen Schlangen tätowiert. Ins Gesicht hat sie sich eine verspiegelte Sonnenbrille mit untertassengroßen Gläsern montiert, und darunter trägt sie eine Maske aus Selbstbeherrschung und Haß.

Die Gruppe wandert mit der Sonne. Das ist ihr walkabout, der Rest des nomadischen Fiebers, der letzte Versuch, den Fußspuren der Ahnen zu folgen. Doch die führen nur im Kreis um die Toilette.

Milli raucht, trinkt und redet. Über staatliche Fürsorgeschecks und holländische Huren, über Landrechte und die legendäre Traumzeit, als die Welt jung war und die Ahnen über den Kontinent zogen und entlang ihrer songlines die Schöpfung ins Leben sangen. Aber Millis Träume sind keine Mythen über grüne Ameisen, totemistische Känguruhs oder die urzeitliche Regenbogenschlange. "Pißtraum!" - "Scheißtraum!"

- wie Patronen spuckt sie die Worte aus, weist auf das Klo in den aboriginal-Farben und schüttet Wodka in sich hinein. Den Namen ihres Stammes hat Milli vergessen, seine Sprache ebenso. Sie hat, wie die Aborigines sagen, ihren tschuringa verloren. Und wer seinen tschuringa - den persönlichen Talisman aus Stein oder Holz - verliert, weiß nicht mehr, wer er ist.

Die Identität der schwarzen Ureinwohner liege in der Vergangenheit, sagt Frank, die der weißen und asiatischen Australier aber in der Zukunft. Und dazwischen verstecke sich eine verwirrende Gegenwart, in der die Ureinwohner nicht mehr und die Einwanderer noch nicht wüßten, wer sie seien. "Die Wurzeln der Schwarzen sind nur in Australien, unsere aber überall. Nur in Australien nicht." Frank ist Rentner. Seine Ururgroßeltern kamen aus Schottland, convicts - deportierte Sträflinge. Wie jeden Morgen füttert Frank die zahmen Ibisse am Rosenpavillon des Botanischen Gartens in Sydney.