Was braucht man, um an der Universität Mathematik zu hören? Einen wahrnehmbaren Puls. Solche Scherze machen an Großbritanniens Universitäten die Runde. Dann gibt es auch noch die Geschichte von dem Anfänger in Englisch an der Universität Leicester, der einen Aufsatz über einen "grosen Diechter" schrieb, und Erzählungen von anderen, die fröhlich mit Punkten oder Kommas hantieren, wenn ihnen die Zeichensetzung Rätsel aufgibt. Sie können nicht lesen, keine Orthographie, keine Aufsätze schreiben - manche Leute behaupten, das Niveau unserer Studienanfänger liege mittlerweile tiefer als das Hinterteil eines Dackels.

Diese "Vor die Hunde gegangen"-Theorie vertritt vehement die Journalistin Melanie Phillips in einem neuen Buch, "All Must Have Prizes" (Little, Brown). Sie stellt die folgenden Behauptungen auf: Die Professoren seien verzweifelt über den niedrigen Wissensstand der jungen Leute, die einen akademischen Grad erwerben wollen es bestehe eine tiefe Kluft zwischen dem Niveau britischer und europäischer Schüler die Universitäten müßten weitgehend die Mängel der höheren Schulen beheben. Außerdem kämen junge Menschen an die Universitäten, denen das Grundwissen in dem von ihnen gewählten Fach fehlt. Dies jedoch seien gerade die Studenten mit hervorragenden Schulabgangszeugnissen, also der "Goldstandard" des britischen Ausbildungssystems.

Wenn diese düstere Einschätzung richtig ist, müssen die Abiturnormen tief gesunken sein. Aber die Befunde einer größeren Studie über diese Anforderungen, die zu Weihnachten von der unabhängigen Abiturqualitätskontrolle, der Lehrplan- und Beurteilungsbehörde, vorgelegt wurde, legen nahe, daß das Niveau in praktisch sämtlichen Abiturprüfungsfächern in den letzten zwanzig Jahren unverändert geblieben ist. Daß immer mehr Schüler das Abitur ablegen und immer höhere Grade erwerben, kann daher nicht als Beweis dafür angeführt werden, daß das Abitur entwertet sei. Der Sprecher eines der Abiturprüfungsgremien, George Turnbull, sagt dazu: "1953 hatte noch niemand den Mount Everest bestiegen, aber im letzten Jahr erreichten an einem einzigen Tag 38 den Gipfel. Soll das heißen, der Berg sei leichter geworden?"

Sind also die Attacken auf unsere Studienanfänger nichts als Gerede und Stichelei seitens der Traditionalisten, die mit dem Rücken zur Wand stehen und wie Frau Phillips über den Verlust autoritärer (und vielleicht elitärer) Ausbildungsansätze klagen? Schließlich besuchten vor dreißig Jahren nur drei Prozent der Schulabgänger eine Universität, verglichen mit jedem dritten heute. Tatsächlich sind 1996 mehr Studenten an den Universitäten eingeschrieben, als in den Sechzigern überhaupt die höheren Schulen besuchten.

Angesichts des gewaltigen Ausbaus des Hochschulsektors - angefangen mit dem Bau der "Glas und Beton"-Universitäten in den sechziger Jahren bis zu den Ingenieurschulen, die sich inzwischen als Universitäten bezeichnen dürfen - sollte es nicht überraschen, wenn einige Plätze an weniger angesehenen Universitäten von weniger fähigen Studenten besetzt werden. Vielleicht sollten wir die Frage präzisieren: Ist das Niveau unserer Studienanfänger an den besten und mittleren Universitäten abgesunken?

Darüber sollten vor allem die erfahrenen Professoren Auskunft geben können, die seit Jahrzehnten die Studienanfänger in Englisch und Mathematik unterrichten - den Zwillingssäulen unseres Ausbildungsfirmaments.

Tom Körner, seit 25 Jahren Ausbildungsleiter für Mathematik in Trinity Hall, Cambridge, räumt ein, daß Cambridge vor fünf Jahren seinen Mathematiklehrplan - traditionell der schwierigste des Landes - "radikal vereinfachen" mußte wegen des wesentlich geringeren Wissensstandes der Kandidaten. "Bestimmte Themen, die früher zum Abitur gehörten, wurden in den Schulen mit weniger Nachdruck behandelt, weil sie als zu schwierig galten und die durchschnittlichen Schüler langweilten", sagt er, "im Ergebnis mußten wir sie in das erste Studienjahr aufnehmen und dafür einige Themen des ersten Jahrs in das zweite Jahr verschieben."