In den Katakomben unter dem Karmeliterkloster in Salvador da Bahia werden noch immer Tote in engen Nischen gelagert. An einigen Kammern fehlt der marmorne Verschluß mit den üblichen Liebesschwüren der Weiterlebenden. In blauen Plastiksäcken modern menschliche Reste. Ein vergessener Ort.

Zwischen den gemauerten Boxen steht ein zwei Meter hoher, steinummantelter Holzpfahl. An ihm wurden wegen geringer Vergehen Sklaven aufgehängt, zwecks öffentlichem Spott und Hieben mit der Peitsche. Bevor er, 1888 mit der Sklavenbefreiung nutzlos geworden, im Totenverlies verschwand, stand er mitten in der barocken Pracht der ehemaligen brasilianischen Kolonialhauptstadt und verlieh ihrem vornehmsten Viertel den schändlichen Namen Pelourinho, Pranger.

Oben, am Prangerplatz, trommelt fröhlich Olodum. Die jungen Nachfahren der aus Afrika verschleppten Sklaven ziehen mit ihrer Musik seit vielen Jahren internationale Aufmerksamkeit an. "Rhythm of the Saints", das Album, das sie 1989 mit Paul Simon aufnahmen, machte auch ihre Heimat, den Pelourinho, weltberühmt. 1996 kam sogar der bleiche Michael Jackson, um mit den schwarzen Jungs von Olodum ein Videoclip aufzunehmen und sein Image aufzubessern. Sie tanzen und trommeln in der historischen Kulisse vor frisch getünchten, bonbonbunten Fassaden.

"O Pelourinho nao é mais aquele", das Viertel sei nicht mehr "so", singt Olodum in einem der Lieder. "So", das waren früher offene Abwasserströme zwischen Müll in den Gassen, waren schimmelschwarze, verfallende Gemäuer mit einer vielköpfigen Familie in jedem halbwegs bewohnbaren Zimmer. Pelourinho war ein Ghetto der Armen, also der Schwarzen, ein übelriechender, überbevölkerter, von weißen Brasilianern und von Touristen gemiedener Slum. Die heutigen Weltstars von Olodum genossen schon früh lokalen Ruhm: als gefürchtete Straßenkids des Pelourinho.

Nachdem, zu Beginn dieses Jahrhunderts, die Reichen und dann auch die Mittelschicht samt den staatlichen Institutionen aus dem Viertel der Oberstadt in neue, am Atlantikstrand gelegene Residenzen zogen, fanden die Armen Salvadors in den verlassenen Gebäuden billige Unterkunft. In seinem Buch "Suor", "Schweiß", das der Romancier der kleinen Leute, Jorge Amado, 1928 am Pelourinho über dessen Bewohner schrieb, beleben Taschendiebe und Huren das Viertel neben Fischern, Schneiderinnen, Hausangestellten, Händlern, vielen Kindern und den mit Dominospiel und Zuckerrohrschnaps den Tag stehlenden Alten. Weil niemand die Mittel besaß, in den Erhalt der hochherrschaftlichen Architektur zu investieren, verfiel der Pelourinho in den nachfolgenden Jahrzehnten mehr und mehr. Amados Freunde, die Bewohner des Pelourinho, sind verschwunden.

Wie zum Hohn auf die Ruinen erklärte die Unesco 1985 "das größte zusammenhängende Barockviertel der beiden Amerika" zum schützenswerten Kulturerbe der Menschheit. Bei Ipac, dem staatlichen Institut Bahias für die Erhaltung und Restaurierung historischer Gebäude, erzählt man noch heute Schauermärchen über jene Zeit: "Nur Prostituierte und Kriminelle", sagt Adriana Castro, die Leiterin des Instituts, "haben hier gelebt."

Ipac ist nicht nur ein Planungs- und Architekturinstitut. Ipac macht auch politisches Marketing für seinen Chef, den großen Staatsmann Bahias und mächtigen Drahtzieher in der nationalen Politik, Antonio Carlos Magalhaes. Magalhaes, einst autoritärer Vasall des Militärregimes, dann flugs gewendeter Minister im ersten demokratischen Kabinett und 1990 mit Hilfe seines eigenen Fernsehsenders zum Gouverneur gewählt, befahl 1992, die Kloake Pelourinho in eine Touristenattraktion zu verwandeln.