MOSKAU. - In anderen Ländern hätte eine Situation, wie sie gegenwärtig in Rußland herrscht, längst zu einer großen sozialen Explosion geführt. Aber nachdem das Land siebzig Jahre lang ausgeblutet worden ist, nach der selektiven Ausrottung der aktiven, protestierenden Schicht und nach einem zehnjährigen Sturz ins Massenelend besitzt Rußland keine Kraft mehr für eine solche Explosion. Sie ist deshalb in absehbarer Zeit nicht zu erwarten.

Die sogenannten ökonomischen Reformen - Michail Gorbatschows von 1987 bis 1990, dann Boris Jelzins von 1992 bis 1995 - sind Teil des Problems.

Nachdem er lautstark die Perestrojka verkündet hatte, war Gorbatschow wahrscheinlich vor allem damit beschäftigt, das Parteivolk in die neuen ökonomischen Strukturen einzugliedern und die Pfründe der Partei zu sichern. Er unternahm nichts, um eine untere oder mittlere Schicht von Privatunternehmen zu gründen, sondern ruinierte statt dessen das System der vertikalen und horizontalen Verstrebungen in der existierenden Wirtschaft. Auf diese Art und Weise öffnete er die Tür für das ökonomische Chaos.

Dieser Prozeß wurde durch Jegor Gajdars "Reform" und Anatolij Tschubais' "Privatisierung" fortgesetzt. Wirkliche Reform ist ein koordiniertes, systematisches Bemühen, vielfältige Maßnahmen auf ein einziges Ziel hin auszurichten. Aber seit 1992 ist ein solches Programm nie verkündet worden. Statt dessen gab es zwei verschiedene Aktionen, die nicht miteinander koordiniert waren, geschweige denn auf den wirtschaftlichen Vorteil des Landes zielten.

Die eine war 1992 Gajdars "Freigabe der Preise". Das völlige Fehlen von leistungsfähigen Wirtschaftsstrukturen hatte zur Folge, daß monopolistische Fabrikanten die Produktionskosten aufblähen konnten, während sie gleichzeitig den Umfang der Produktion reduzierten.

Diese Art von "Reform" führte schnell dazu, die Produktion zu zerstören, und machte Konsumgüter und viele Nahrungsmittel für einen Großteil der Bevölkerung unerschwinglich.

Die andere Aktion bestand in der überhasteten Privatisierung.