ZEITmagazin: In einem Vorab-Info zu Ihrer neuen Platte Earthling verkünden Sie: "Wir stehen kurz vor der Entdeckung außerirdischen Lebens." Wissen Sie etwas, was wir nicht wissen?

Bowie: Nein! Ich glaube das einfach nur. Andererseits: Wenn sie tatsächlich Wasser auf der dunklen Seite des Mondes gefunden haben, dann gibt es definitiv Leben irgendwo da draußen. Das ist doch - wow! Wasser? Das wär's dann ja wohl! Offenbar haben sie in den letzten drei, vier Jahren irgendeinen neuen Gimmick entwickelt, denn plötzlich finden sie überall Wasser. Und Wasser ist Leben.

ZEITmagazin: Im Internet kursiert ein längeres Traktat aus einem Magazin namens "Paranoia", das endgültig beweisen will: David Bowie steht in direktem Kontakt mit Außerirdischen.

Bowie: Ah, den Text habe ich sogar gelesen! Da geht's um meinen Song "The Jean Genie" und um Module und dieses ganze Zeug - es ist verrückt. Aber irgendwie finde ich solche Sachen auch toll: eine weitere Irritation unserer Kultur, und das kann ich nur begrüßen. Mir ist alles recht, was ordentlich Chaos stiftet.

ZEITmagazin: Ihre Songs docken auffällig oft an Weltraumereignisse an: Ihre erste Hitsingle, Space Oddity, wurde 1969 eine Art Soundtrack zur ersten Mondlandung, neulich lief Is There Life On Mars? auf der ganzen Welt rund um die Uhr im Radio, als bekannt wurde, daß auf einem Meteoriten vom Mars Mikrobenspuren zu erkennen waren. Verfolgen Sie eigentlich systematisch, was die Nasa gerade so treibt?

Bowie: Eigentlich nicht.

ZEITmagazin: Und umgekehrt?

Bowie: Nicht, daß ich wüßte!

ZEITmagazin: Ihre neue Platte ist eine Rückkehr zu Ihrem klassischen Thema: den Mysterien des Weltraums.

Bowie: Damit habe ich mich diesmal einigermaßen überschlagen. Es ist ein bißchen kokett. Dieses ganze Space-Thema wird einfach so stark mit mir in Verbindung gebracht, also habe ich mir gesagt: Ihr wollt Space? Ich gebe euch Space!

ZEITmagazin: Gleichzeitig identifizieren Sie sich damit endgültig als Earthling?

Bowie: Absolut.

ZEITmagazin: Ein Durchbruch in Ihrer fortschreitenden Selbsterkenntnis?

Bowie: Das kann gut sein. Daß mir dieser Titel auf Anhieb so zusagte, hat bestimmt auch damit zu tun.

ZEITmagazin: "Earthling" wird von ziemlich heftigen Jungle-Beats dominiert. Was fasziniert Sie so an dieser Musik?

Bowie: Daß meine Freunde nicht dazu tanzen können, bevor sie diese Musik kapiert haben! Sie hören zuerst nur diese rasend schnellen Beats und versuchen mitzuhalten. Damit machen sie sich natürlich lächerlich. Wenn du hip bist weißt du, daß du dich an die langsame bass drum halten mußt. Diese Musik eignet sich also bestens, mal wieder klarzustellen: "Ätsch, ich bin cooler als du!"

ZEITmagazin: Umgekehrt könnten Hipster Ihnen vorwerfen, daß Sie reichlich spät auf den dahinrasenden Jungle-Zug aufspringen.

Bowie: Vielleicht. Aber auch damals, als ich beschloß, Rhythm & Blues-Musiker zu werden, war ich keineswegs als kleiner, schwarzer Junge in New York zur Welt gekommen. In bin in gar keine Musikform hineingeboren worden und habe daher auch keinerlei Stilloyalitäten.

ZEITmagazin: Sie greifen einfach beherzt zu, sobald Ihnen eine Musikform gefällt.

Bowie: Ich bin vor allem ein Zusammenfüger: Ich sauge die Begeisterungen auf, die ich als Beobachter und Teil unserer Kultur wahrnehme. Ich freue mich einfach immer irrsinnig, wenn ich etwas finde, das eindeutig sagt: Das hier ist die Gegenwart.