Wichtige Entscheidungen werden in Paris beim déjeuner getroffen, beim Mittagessen ab eins. Spätestens beim Café sind sich alle einig, und die Sache läuft. Am 4. Oktober vergangenen Jahres entschieden vier elegante Herren und eine auffallend gut angezogene Dame in einem Pariser Spesenrestaurant: "Die Haute Couture soll nicht sterben." Die Dame war Françoise Montenay von Chanel, die Herren hießen François Baufume (Dior), Patrick Thomas (Hermés), Didier Grumbach (Thierry Mugler) und Jacques Mouclier, Président der Pariser Modehandelskammer. Alle fünf sind beinharte Topmanager, alle fünf lieben Luxus, ohne für eine Sekunde Umsatz und Rendite aus dem Blick zu verlieren. Schließlich stehen Millionen auf dem Spiel.

In den nächsten Tagen wird sich zeigen, ob der Schwur der Modemächtigen eingelöst wird. Paris bebt vor Erregung, die Nerven in den Ateliers liegen blank. Her mit den kleinen Engländern: Am 19. Januar werden sich ausgewählte Gäste und Medienleute drängeln, um zu sehen, was sich Alexander McQueen, der 27jährige Bürgerschreck mit dem Glasauge, für Givenchy hat einfallen lassen. Tags darauf schlägt die Stunde der Wahrheit für seinen Landsmann John Galliano , das Enfant terrible mit der blonden Rastaperücke, dem die Erneuerung des Hauses Dior anvertraut wurde.

Die alte Dame Haute Couture hat das Lifting bitter nötig. Handgenähte Luxusmode für ausgewählte Privatkunden zu Preisen zwischen 30 000 und 300 000 Mark trifft nicht gerade den Nerv der Kundschaft. Derzeit gibt es nur noch fünfzehn Couturehäuser. "Zuwenig, um über tausend Journalisten aus aller Welt nach Paris zu holen", sagt Jacques Mouclier, der mächtige Verbandspräsident der Pariser Mode. "Es werden keine neuen Couturehäuser mehr geschaffen. Das ist zu teuer." Journalisten kommen nur, wenn etwas los ist. Viermal im Jahr treffen sie sich in der Metropole Paris: Im Januar und Juli lassen sie sich die Haute Couture zeigen, im März und September Prêt-a-porter. Wehe, diese 2000 Reporterinnen, Kameraleute und Photographen gähnen.

"Die Haute Couture wird schon seit langer Zeit angegriffen", lächelt Mouclier. "Vor dreißig Jahren schrieb die Los Angeles Times: ,La Haute Couture is dead'. Das gibt es immer wieder. Vielleicht aus Eifersucht auf unseren Pariser Modekalender, den die anderen Städte nicht haben. Die einzigen Konkurrenten der Couture, die Italiener Gianni Versace und Valentino, zeigen ihre Kollektionen in Paris."

Gegründet wurde das Syndicat Haute Couture, das dem Industrieministerium untersteht, 1945 von Pariser Edelschneidern. Strenge Statuten regeln Rechte und Pflichten der Beteiligten. Das Markenzeichen Haute Couture erhält nur ein Couture haus, kein einzelner Modeschöpfer - was manche der jungen Wilden unter den kreativen Schneidern gerne verdrängen. Es reicht nicht aus, einfach sein Namensschild an die Fassade zu hängen. Es sei denn, es findet sich jemand, der alles finanziert. Und der sollte gut gepolstert sein. Wer diese weltberühmten Luxusmarken beherrscht, kann jederzeit den Couturier wechseln. Haute Couture, das schließt die Verpflichtung ein, mindestens zwanzig Angestellte im eigenen Pariser Atelier ganzjährig zu beschäftigen. Die handgearbeiteten, maßgeschneiderten Roben, Kostüme und Kleider müssen vor dem Verkauf der Presse vorgeführt werden, zweimal jährlich. Das sind mindestens fünfzig "Passagen" - so lautet der Fachbegriff für eine Ausstattung von Kopf bis Fuß einschließlich Accessoires und Schmuck.

Die Schauen der Edelschneider ziehen Prêt-a-porter und die Lizenzprodukte wie Parfums und Accessoires gleich mit. Jede Saison zählt die Fédération de la Couture rund 1500 Seiten redaktioneller Berichterstattung - das ist kostenlose Werbung, auf die niemand verzichten will. "Entweder wir behalten die strengen Vorschriften und die Haute Couture wird vielleicht langsam eingehen", meint Président Mouclier, "oder wir versuchen, sie wieder mit neuen Leuten zu beleben, die eine maßgeschneiderte Kollektion für eine Privatkundschaft herstellen. Natürlich ohne die lästigen Einschränkungen."