Sie kennen das. Man sitzt im Urlaubsflieger, kurz nach dem Start, rundum herrscht angespannte Stille. Doch nicht für lange. Denn kaum sind die Anschnallzeichen erloschen, erhebt sich wie auf ein geheimes Kommando hin alles aus den Sitzen und trabt geschlossen in Richtung Toilette. Und das, wohlgemerkt, knapp fünfzehn Minuten nach dem Abheben. Als hätte es nicht gerade eben, unten im Flughafen, reichlich Gelegenheit gegeben, dringende Geschäfte zu erledigen.

Außer uns und den Piloten ist mittlerweile jeder auf dem Gang unterwegs. Eine gute Gelegenheit, um in Ruhe über ein Phänomen nachzudenken, das uns nicht zum ersten Mal beschäftigt.

Was um alles in der Welt mag wohl der Auslöser für den kollektiven Aufbruch sein? Treibt womöglich Flugangst die Passagiere zu zwanghafter Aktivität? Oder dient die wundersame Völkerwanderung dazu, zwischenmenschliche Kontakte in zehntausend Meter Höhe herzustellen, Urlaubsbekanntschaften der allerersten Stunde sozusagen? Ist es am Ende also gar nicht Harn-, sondern vielmehr Tatendrang? Fragen über Fragen. Auf jeder Reise aufs neue gestellt und doch nie eine Antwort gefunden.

Eines freilich steht fest: An der Attraktivität der Naßzellen dürfte deren gewaltige Anziehungskraft kaum liegen. Bordtoiletten gehören, wie einem jeder bestätigen wird, eher zu den Stiefkindern der Flugzeugdesigner. Winzigste Ausmaße, funzlige Beleuchtung, brüllender Turbinenlärm und zu allem Überfluß striktes Rauchverbot - der Horror nicht nur für Klaustrophobiker.

Ein Problem, dessen sich als erste Airline die skandinavische SAS angenommen hat. Sie legte sich dankenswerterweise einige neue Maschinen zu, deren Toiletten zwar auch nicht luxuriöser ausgestattet sind als andere. Dennoch besitzen sie einen ganz entscheidenden Vorteil, nämlich zwei Bullaugen. In den Genuß des ungestörten Panoramablicks aus dem Klofenster kommen zwar nur die Passagiere der Business class. Aber immerhin, es ist ein Anfang.

Wir hoffen stark auf Nachahmer. Denn so könnten endlich auch für uns und die zwei, drei anderen Leute, die sich diesen Gang aus besagten Gründen stets verkniffen hatten, bessere Zeiten anbrechen. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich die zahlreichen Vorteile auszumalen: Endlich im hellen Tageslicht das Make-up erneuern, statt im diffusen Schein der flackernden Leuchtstoffröhre zu tief in den Rougetopf zu greifen. Ungehindert von den neugierigen Blicken und wohlmeinenden Ratschlägen des Sitznachbarn ein Erinnerungsphoto durchs Bullauge schießen. Vielleicht sogar, in der Abgeschiedenheit dieses nunmehr sonnigen Gelasses, eine entspannende Meditationspause einlegen.