Das blaßrote Büchlein heißt "Ossi's PDS-Gesetze. Warum auch in der PDS alles schiefgeht", 4., erweiterte Auflage, 1996. Eine Spruchsammlung: "Die politischen Forderungen der PDS sind grundsätzlich unbezahlbar"; "Die Angst mancher PDS-Politiker vor Verantwortung ist begründet." Das stammt von Christine Ostrowski, PDS-Landtagsabgeordnete in Dresden und Mitverfasserin des "Briefes aus Sachsen" vom Mai vergangenen Jahres. Dort hieß es, die PDS solle sich "nach dem strategischen Vorbild der CSU" als "links-ostdeutsche" Volkspartei entwickeln, die gescheiterte Westausdehnung mitsamt ihren linksradikalen Zirkeln im Westen aufgeben. "Linke Wirtschaftspolitik" solle das "bodenständige Kleinunternehmertum" stärken. Eine Flut von Protestbriefen brach herein: eine Rechte! Der Austritt wurde angemahnt.

Christine Ostrowski sitzt im gläsernen Landtagsrestaurant an der Elbe, blickt auf die erleuchtete Kulisse von Dresden und raucht nervös. "Die Partei vergällt mir zunehmend die Lust an der Politik." Sie fürchtet, daß der 5. Parteitag in Schwerin am 17. und 18. Januar wieder in abstrakten Diskussionen endet. "Die Menschen wollen aber nicht mit einem Programm abgespeist werden", sagt sie, "sie wollen keine hunderttausendmal gesagte Kapitalismuskritik. Das Volk ist nicht rechts oder links." Es will praktische Antworten. Aber die sogenannte "Parteibasis" verweigere sich. Ein Funktionärsund Ideologenmilieu, geprägt von der gekränkten DDR-Elite, sei wieder mutiger geworden. Doch ihre "Märtyrerrolle ist bloß Überheblichkeit gegenüber dem Volk".

Den "Brief aus Sachsen" würde sie wieder schreiben. Anlaß war die Art, wie die Parteibasis Harald Buttler, Bürgermeister von Berlin-Marzahn, zur Selbstkritik zitierte und demontierte. Er hatte sich um eine gewaltfreie Lösung bei einem Auftritt jugendlicher Rechtsradikaler bemüht, statt zur Antifa-Aktion aufzurufen; und er hatte die Sparauflage des Berliner Senats hingenommen, statt zum Kampf gegen die Sparpolitik zu mobilisieren. Ihm waren die politischen Gestaltungschancen wichtiger als Parteipropaganda und das Risiko einer Haushaltssperre. So wird er entlarvt als einer, "mit dem die Opposition (ver-)endet". Harald Buttler sitzt in seinem Büro zwischen einem echten Gummibaum und einer künstlichen Magnolie. Seine Augen leuchten, wenn er von der Baustelle am Landsberger Tor - "größer als der Potsdamer Platz" - spricht und davon, wie er Investoren überredet, jene Infrastruktur zu schaffen, für die der Bezirk kein Geld hat.

Sein Kollege von der Plattenbaustadt nebenan, PDS-Berzirksbürgermeister Uwe Klett von Berlin-Hellersdorf, wirft ihm vor, er würde den "Investoren die Füße küssen". Buttler entgegnet leise: "Uwe hat keine Zeit für Investoren"; man dürfe aber "mit dieser Gesellschaft nicht konträr umgehen". Der ehemalige Informatiker an der Akademie der Wissenschaften fühlt sich nicht befangen durch die Vergangenheit. Die Kritik von Vorstandsmitglied André Brie, die PDS müsse in der Bundesrepublik ankommen und das Grundgesetz akzeptieren, kränkt ihn persönlich, denn er ist angekommen.

Maria Gangloff hat eine typische DDR-Karriere hinter sich: Elektromonteurin, Staatswissenschaftlerin, seit 1986 Bürgermeisterin in Böhlen bei Leipzig. Nach der Wende wollten die Leute sie als Bürgermeisterin behalten, sie sollte nur die Partei wechseln. So kam sie "aus Trotz" von der SED zur PDS, eben "weil ich kein Parteimensch war". Sie ist Chefin eines mittelständischen Unternehmens, das ostdeutsche Sportanlagen an die DIN-Norm anpaßt und wartet; eine lebenslustige Frau, die mit ihrem Schmuck den Erfolg auch zeigt. Das Landtagsmandat war ihre Rettung, dadurch gewann sie "Bonität" bei den Banken. "1990 wurde ich als übler Kapitalist in den eigenen Reihen beschimpft." Sie lobt hingegen den Wertewandel gegenüber dem Eigentum. "Volkseigentum war doch, daß man die dreckigen Schuhe im Hausflur ließ und dann in die private Welt ging." Ihre Fragen an die PDS lauten: "Ist der Wettbewerb wirklich nur eine passive Veranstaltung, der man sich ausliefern muß? Welchen Einfluß haben Löhne und Tarife auf die Beschäftigung?" Sie zweifelt am Dogma der Tarifautonomie. Was erwartet sie von Schwerin? "Ich hasse diese Strategieparteitage, dieses Reden von den Visionen."

Alle drei PDS-Politiker fahren als Delegierte nach Schwerin; sie sind Praktiker, aktivistische Verantwortungsethiker, "Praktizisten". Sie vertreten die Basis des Reformer-Flügels. In ihnen sieht die SPD verkappte Sozialdemokraten. Abwerbungsversuche hat es gegeben. Aber das ist eine Selbsttäuschung. Gerade die Buttlers, Ostrowskis und Gangloffs identifizieren sich viel ungebrochener mit der PDS als politische Linienpolizisten wie der Bundestagsabgeordnete Jens Uwe Heuer oder die Neostalinistin Sahra Wagenknecht. Weil sie in der neuen Gesellschaft "angekommen" sind, wollen sie nicht ihre Herkunft aufgeben. Lothar Bisky, den Parteivorsitzenden, kränkt es geradezu, daß die SPD ihm Avancen mache, "nur weil ich moderat auftrete".