Deutschland steckt wirtschaftlich und sozial in der schwersten Belastungsprobe seit dem Krieg - doch die Politik tritt besinnungslos auf der Stelle. Das einstige Wirtschaftswunderland verzeichnet einen neuen Rekord an Arbeitslosen - Tendenz: weiter steigend. "German job creation is booming - abroad", titelte die International Herald Tribune dieser Tage: Die Deutschen schaffen lauter Arbeitsplätze - im Ausland. Die öffentlichen Etats sind überlastet, die sozialen Versprechungen nicht mehr zu finanzieren. Zynisch oder ratlos treiben die Parteien derweil unverdrossen ihr altes Mikado-Spiel: Wer sich bewegt, hat schon verloren. Wer mit wem gegen wen? Das allenfalls interessiert die Büchsenspanner. Wozu und wofür? Das ist nicht mehr zu erkennen. Was hatte das gesamte Jahr 1996 schon gebracht? Eine mühselige, marginale Änderung des Ladenschluß-Gesetzes, eine sinnlose Farce um die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, den fruchtlosen Streit um den Solidaritätsbeitrag. Brauchen wir für diesen Unfug die Politik? Für dieses lächerlich unangemessene Ergebnis den plappernd in sich rotierenden Politikbetrieb?

Dieses Maximum an Problemdruck bei einem Minimum an Gestaltungskraft zerstört - je länger, desto mehr - die Glaubwürdigkeit der Demokratie und hinterläßt verheerende psychologische Schäden in der politischen Kultur des innerlich immer noch zerrissenen Landes. Wo auch sollte sich nur ein Schimmer der Hoffnung zeigen, und sei es bloß auf machtpolitische Bewegung? Irgendwann ist Helmut Kohl nicht nur länger im Amt als Adenauer, sondern auch als Bismarck. Und bis dahin soll es heißen: rien ne va plus - nichts geht mehr?

Mitten in diese trostlose Lähmung platzt eine kleine Sensation, und keiner hört mehr hin. Im stern meldet Wolfgang Schäuble unter Mißachtung aller bisher geltenden Tabus seinen Anspruch auf die Nachfolge Helmut Kohls an. Gewiß, man mag fragen: Na und? Auf den ersten Blick hat Schäuble nicht mehr getan, als allen anderen stillen Aspiranten von Rühe bis - vor allem - Stoiber zu signalisieren: Ich bin immer noch da - trotz Rollstuhls. Aber dieser Artikel, ästhetisch überhöht durch subtile Photos des Kanzler(!)photographen Konrad R. Müller, bedeutet weitaus mehr. Zum ersten Mal wagt es ein Unionspolitiker, sich selber ins Gespräch zu bringen, und er wird dafür nicht von Kohl sofort mit einer kleinen, brutalen Bewegung erledigt. Zugleich erledigt Schäuble die gegen ihn gerichtete Flüsterpropaganda (Kann man aus dem Rollstuhl regieren?), indem er selber an die Stelle der scheinbar mitleidsvollen Rede vom Behinderten das harte Wort "Krüppel" setzt und es damit jedem Konkurrenten unmöglich macht, ihn herablassend zur Seite zu schieben.

Dieser doppelte Tabubruch, er ist und bleibt ein Datum. Die Nachfolgedebatte ist damit eröffnet. Die Mikado-Starre hat ein Ende: Es hat sich einer bewegt - und nichts verloren. Jetzt stellen sich zwei Fragen: Wäre Wolfgang Schäuble der beste Nachfolger für Helmut Kohl? Vor allem aber: Wäre das genug der Bewegung? Was immer Kohl, Schäuble und die Union sich denken mögen: Würde dem Lande ausreichend gedient mit einem bloßen Kanzlerwechsel, wann auch immer - in dieser Legislaturperiode, an ihrem Ende oder erst danach -, wenn ansonsten alles bei der alten parteipolitischen Konstellation bliebe?

Zunächst die Kanzlerfrage innerhalb der Union: Wenn Helmut Kohl etwas zustieße - wer sonst als Schäuble? Da der Rollstuhl von nun an als unaufrichtig gebrauchtes Argument ausgedient hat, erledigen sich viele Spekulationen von selber. Edmund Stoiber? Der Mann ist begabt, sein Ehrgeiz groß, seine bundespolitische Erfahrung bei Null, seine parteipolitische Basis zu schmal, sein Profil zu kontrovers: So nicht und jetzt nicht. Volker Rühe? In der Bundespolitik, auch in der Außenpolitik viel erfahrener, freilich mit einer noch schmaleren Hausmacht ausgestattet, jenseits seiner Partei leichter zu vermitteln als innerhalb der Union: Jetzt noch nicht. Wer sonst? Etwa Theo Waigel, der Herr der Milliardenlöcher, den die CSU nicht einmal als bayerischen Ministerpräsidenten wollte? Wer sonst also?

Schäuble könnte, wenn sich die Frage nur so stellte, nach Helmut Kohl das werden, was - bei allem Risiko jedes Vergleichs - Helmut Schmidt nach Willy Brandt wurde: der Macher nach dem Makler, der ungeduldige Mann, der vor allem innenpolitisch aufräumt, was unter dem Vorgänger liegenblieb. Ein Politiker ohne große Visionen, aber mit konzentrierten Vorstellungen über das, was nun endlich entschieden werden muß.