In den USA kündigt sich eine neue Mode an: Erfolgreiche Chirurgen, Rechtsanwälte, Musiker, aber auch Karrierefrauen und Krankenschwestern wollen umsatteln. Ein kurzer Lehrgang in einer der aus dem Boden schießenden privaten Kochschulen, danach, wenn es gutgeht, ein Praktikum in einer Restaurantküche - und fertig ist der Aussteiger. Berufsziel: Koch.

Vielleicht ist es mehr als eine Mode. Vielleicht ist das die fällige Reaktion auf die Gleichmacherei durch Techno food und Fertigfraß. Eine Gesellschaft, der man die Möglichkeit zur individuellen Ernährung seit Jahrzehnten immer mehr beschneidet, hat sich daran erinnert, daß Essen keineswegs eine lästige Zeitverschwendung sein muß. Daß das eigenhändige Putzen von Gemüse, das Parieren von Fleisch und Fisch und schließlich die Entscheidung, auf welche Weise Gemüse, Fisch und Fleisch gekocht und gewürzt werden, ein Akt des freien Willens und Teil unserer Alltagskultur war, bis sie unter den Bergen von Junk food fast begraben wurde. Schließlich ist es gar nicht so lange her, daß beispielsweise Gore Vidals Großvater es für "den einzig wahren Scheidungsgrund" hielt, wenn eine Frau "ihrem Mann gekauftes Brot auftischt". (Heute schenken wir unseren Kindern zur Hochzeit eine Tiefkühltruhe.)

Es könnte sein, daß die Entmündigung der Konsumenten durch laborgewürzte Fertiggerichte endlich als das erkannt wird, worauf aufgeklärte Zeitgenossen ebenso allergisch reagieren wie auf die verwendeten Zusätze: als Geschmacksdiktatur der Nahrungsmittelindustrie.

Kochkurse gibt es bei uns schon seit fast dreißig Jahren. Aber die Motive waren damals anders. Nicht der Abscheu vor dem konfektionierten Essen trieb mich und andere Kursteilnehmer in die Küchen bekannter Köche, sondern der Ehrgeiz, die eigenen Fähigkeiten zu vergrößern und zu lernen, was in Deutschland unbekannt gewesen war: die verfeinerte Küche ˆ la franáaise. Das war für den Hausgebrauch gedacht. Niemand, der damals lernte, wie man eine Hollandaise selber herstellt und Fische filetiert, wollte daraus einen Beruf machen.

Anders die Kochschüler in den USA. Sie sind potentielle Aussteiger, die ihre fremdbestimmte Arbeit aufgeben und eine eigene kleine Garküche aufmachen. Meistens in Verbindung mit einigen Gästezimmern. Das ist nicht nur in den USA der Trend. Im französischen Süden, wo die Touristen monatelang unter sich sind, ist eine erstaunliche Zunahme von Schildern zu registrieren, die eine "Table d'hôte" ankündigen. Das bedeutet Hausmannskost, oft mit mehr gutem Willen als fachlichem Können zubereitet. Immer aber mit Liebe gekocht und im Idealfall sogar mit Leidenschaft. Nach meinen Beobachtungen handelt es sich auch hier um Zeitgenossen, denen Kochen mehr Vergnügen macht als Büroarbeit. Und sehr oft sind es Ausländer. Der Deutsche Soehlke war einer der ersten, der vor vielen Jahren in Venasque eine kleine Auberge übernahm ("La Fontaine") und daraus einen gut besuchten Gasthof mit fünf Gästezimmern machte.

Ich bin sicher, daß diese private Gastronomie weiterhin zunehmen wird. Zum nicht geringen Teil ist sie eine positive Reaktion auf die Nivellierung unserer Ernährung.