Der Tag ist am schönsten, wenn er gerade anfängt. Wenn die Nacht weicht und die Welt zu reden beginnt. Nein, nicht mit den Stimmen der Menschen - die schlafen jetzt, die schnarchen jetzt, die haben ihr Tag- und Schwatzwerk noch nicht begonnen.

Die schönste Zeit des Tages gehört dem Gesang der Vögel der jauchzenden Amsel, der krächzenden Krähe, der lüstern gurrenden Taube. Die Luft ist voller Lärm und süßer Lieder.

Dann erwachen die Hausmeister, dann schlagen die ersten Autotüren.

Der Mensch kann nicht fliegen - und singen meist nur unter Krämpfen. Kein Wunder, daß er die Vögel beneidet. Der Mensch kann reden, aber seine Worte werden ihm schnell zur Qual. Kein Wunder, daß er Trost sucht bei der wortlosen Sprache der Vögel. Daß er darin kein sinnloses, hirnloses Zwitschern vernimmt, sondern eine Erzählung vom Geheimnis der Welt.

Auch das Theater kann am schönsten sein, wenn es noch nicht (oder nicht mehr) mit Menschenzungen redet. Wenn alles Licht ist, Bewegung, Vermutung, Rätsel. Der Berliner Schaubühne ist vor genau drei Jahren ein solches Zauberstück gelungen, als Luc Bondy Peter Handkes Spiel ohne Worte ("Die Stunde da wir nichts voneinander wußten") inszenierte - als morgenländisches Märchen, nicht als alpenländisches Weihespiel.

Eine andere Orientreise versucht nun Andrea Breth: Auf der kargen Kreuzberger Probenbühne führt sie "Die Sprache der Vögel" auf, eine szenische Meditation über das berühmte, 4647 Verse lange Gedicht des Persers Farid Uddin Attar, der im 12. Jahrhundert lebte und nicht nur Poet und mystischer Guru war, sondern auch den Parfümladen seines Vaters offenbar erfolgreich weiterführte.