Der gröbste Ärger mit demonstrierenden Studenten und streikenden Arbeitern wegen des strittigen Arbeitsgesetzes ist für Südkoreas Regierung vorerst ausgestanden, doch nun droht Präsident Kim Young Sam eine unangenehme Auseinandersetzung mit der OECD, der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Die Organisation hat nach einem Bericht der Financial Times dem Land eine offizielle Rüge angedroht - das wäre das erste Mal in der Geschichte der OECD, daß so etwas geschieht -, weil es seine Zusage nicht wahr macht, seine Arbeitsgesetze "in grundlegend demokratischer Weise" zu verbessern.

Korea ist erst seit dem vergangenen Monat Mitglied der OECD, und es hatte unter den Mitgliedern des Clubs lang anhaltenden Widerstand gegen den Neubewerber gegeben, weil dessen Arbeitsbeziehungen noch Regeln aus der Zeit der Diktatur unterlagen. Südkoreas damaliger Außenminister Gong Romyung hatte diesen Widerstand Anfang Oktober schließlich gebrochen, indem er in einem Brief an die OECD versprach, Koreas Regierung werde "die bestehenden Arbeitsgesetze und Verordnungen im Einklang mit internationalen Standards reformieren, einschließlich aller Grundsatzregelungen über die Vereinigungsfreiheit der Arbeitnehmer und kollektive Lohnverhandlungen". Ausdrücklich hatte Gong Romyung sich festgelegt: "Die koreanische Regierung ist überzeugt, daß Arbeitsfragen am besten gelöst werden, wenn verschiedene Gruppen und Organisationen an dieser Lösung in einer essentiell demokratischen Weise beteiligt werden."

Doch dann war eine Reformkommission, die schon an neuen Gesetzen gearbeitet hatte, plötzlich aufgelöst worden, und die Regierung hatte im Alleingang ihr neues Arbeitsrecht vom Parlament verabschieden lassen. Vielleicht hat nun die drohende Rüge der OECD ein wenig dazu beigetragen, daß Kim Young Sam sich die Sache noch einmal überlegt und neu im Parlament beraten läßt.