Ist es der große Wurf?Das geniale Meisterwerk?Sozusagen ein von Erfahrung und Altersweisheit weichgekochtes Kolumbusei der Berliner Architektur?Solche Fragen lagen in der Logik der Auftragserteilung an den New Yorker Architekten Ieoh Ming Pei, der letzte Woche seinen Entwurf für den Erweiterungsbau des Deutschen Historischen Museums in Berlin vorstellte.Unvordenklich schien es für das in unzähligen Wettbewerben festgerüttelte demokratische Selbstverständnis der Architektur, daß der Bundeskan zler höchstselbst direkt ein öffentliches Kulturbauwerk in Auftrag gab, als handle es sich um die Erweiterung seines privaten Wohnbungalows in Oggersheim. Pariser Grands Projets auch im vereinten Deutschland?Will Kohl nun Mitterrand spielen?Die Erregung war heftig, aber bemerkenswert kurz.Rasch fiel sie in sich zusammen.Seither darf man grübeln, ob es an der unbezweifelbaren Dignität des achtzigjährigen Architekten Ieoh Ming Pei lag, der für die Aufgabe auserkoren wurde, oder nicht doch an der unterschwelligen Müdigkeit des staunenden Publikums. Allenthalben war eine schon mehr als sanfte Sympathie für die autokratische Entscheidung zu spüren.Ist's ein Indiz für die politische Mentalität der Deutschen?Daß sie froh sind, wenn ihnen einer den Weg weist? Gleichviel, die Quittung wird in diesem Fall dem Architekten präsentiert, dessen Arbeit auch solchen Anforderungen standhalten muß.Und gleich: Das kann I.M.Peis Entwurf, auch wenn er nicht die einzigartige Überraschung ist, auf die man eingestimmt wurde. Im Erweiterungsbau des DHM sollen zukünftig die Wechselausstellungen des Instituts gezeigt werden.Die Lage ist schwierig, die Nachbarschaft heikel.Das Grundstück liegt hinter dem barocken Prunkbau des Zeughauses, vor allem aber auf etwa halbem Wege zwischen zwei überragenden Bauwerken Schinkels, der Neuen Wache Unter den Linden und dem Alten Museum am Lustgarten.Kompliziert das Ganze, weil wenig Schauseiten für Fassaden da sind und dennoch viel Nutzfläche untergebracht werden mußte. I.M.Pei hat sich im großen und ganzen mit einer gläsernen Spindel aus der Affäre gezogen, die er vor einen streng dreieckigen Baukörper stellt.Dem wird die geometrische Härte durch eine weich geschwungene Wandscheibe genommen, die sich vor seine südwestliche Flanke biegt. Dicht hinter der Spitze ist ein Lichtschlitz mit hoch liegender Loggia eingeschnitten, auf der das ausstellungsgeläuterte Publikum Luft schöpfen darf.Ohne Zwang wird man hierin eine Reverenz an die berühmte Säulen-Loggia in Schinkels Altem Museum erkennen können. Doch insgesamt ist der Einfall nicht gar so berückend.Das scheint Programm zu sein.I.M.Pei kennt sich aus mit monumentalen Baugebärden, aber augenscheinlich auch mit der eleganten Integration in den historischen Bestand.Und traut man dem sehr präzisen Modell, dann wird die Spindel von großer Feinheit und Klarheit werden. Wahr ist zudem, daß architektonische Schönheit nicht so sehr vom Einfall abhängt, sondern fast mehr noch von seiner Ausführung. Jedenfalls wickelt sich aus der Spindel ein beinahe gebäudehohes, leicht geschwungenes Glasfoyer, das zwischen altem Zeug- und neuem Ausstellungshaus vermittelt.Grandiose Aufblicke sind vorherzusehen, da hier auch der unterirdische Verbindungstunnel zwischen den Gebäuden landet.Zusammen ergeben sie, was im Pariser Louvre Peis berühmt gewordene Glaspyramide darstellt, ein neues Entree. Anrüchig das Verfahren, so kann man zusammenfassen, aber gelungen der Entwurf.Nicht die Individualität der baukünstlerischen Zeichnung herrscht darin, sondern die der architektonischen Meisterschaft, mit einfachen Mitteln Kenntlichkeit zu erzeugen.Im Jahre 2001 soll der Bau bezogen werden.Wir sind gespannt - ob auch die Museumsinsel alsbald mit einer solchen Gönnergabe rechnen darf.