Das war erst der Anfang", meint ein Journalist in Tirana, der allerdings wie die meisten seiner Kollegen seine Prognose aus Vorsicht nicht drucken läßt. Am vergangenen Sonntag mußte die albanische Regierung sich zum erstenmal mit wütenden Menschenmassen auseinandersetzen. Eine gefälschte Parlamentswahl im vergangenen Sommer hatte nur die engere Anhängerschaft der Oppositionsparteien auf die Beine gebracht. Nun aber, nach ersten blutigen Demonstrationen, steht Albanien vor einem Ausbruch des Volkszorns, wie ihn das Land seit dem Fall des Kommunismus nicht mehr erlebt hat. Es geht um alles: Hunderttausenden, vielleicht Millionen Albanern droht der Verlust ihrer Lebensgrundlage. Zu befürchten ist in den nächsten Wochen die vollständige Entzauberung des albanischen "Wirtschaftswunders".

Seit dem Zusammenbruch des Kommunismus hat die kleine Balkanrepublik einen gewaltigen Sprung gemacht: Die Mangelernährung ist überwunden.

Auf dem Skanderbeg-Platz in Tirana herrscht ein orientalisches Gewimmel. Regierung und ausländische Besucher preisen die Marktwirtschaft, die den Menschen anständige Kleidung, Reisemöglichkeiten und genug zu essen gebracht habe. Nur: Wie genau das vonstatten ging, liegt im dunkeln. Denn in Albanien wird so gut wie nichts hergestellt - die alten Fabriken mit ihren fünfzig Jahre alten chinesischen Maschinen stehen seit der Wende still, und außer der Coca-Cola-Abfüllung sind kaum neue Produktionsanlagen in Betrieb genommen worden.

Marktwirtschaft bedeutet für die meisten Albaner, ins Ausland reisen zu können, dort ein wenig Geld zu sparen, und es zu Hause in einen der lukrativen Investmentfonds einzuzahlen, die schwindelnd hohe Zinsen zahlen und von denen in den vergangenen Jahren Dutzende entstanden sind. Der wichtigste ist die Vefa, ein mysteriöser Gemischtwarenkonzern unter der Geschäftsführung eines früheren Unteroffiziers, dem in Tirana ähnlich viel gehört wie dem Grafen im Märchen vom gestiefelten Kater. Das Firmensignet der Vefa ist in Albanien inzwischen so universell wie in anderen Balkanländern die Nationalfahne: Es prangt an Straßenlaternen, den Läden der einzigen Supermarktkette und neuerdings an immer mehr Baustellen.

Dem geheimnisvollen Konzern mit seiner Zentrale im Stadtzentrum von Tirana gehört die Liebe des Volkes. Um ihr Image als Wohltäter Albaniens zu festigen, verspricht die Vefa, die schlammigen Straßen zu asphaltieren. Dankbare Bauern reisen von weit her an, um ein paar hundert Dollar einzuzahlen - meistens hat der Sohn das Geld als Erntehelfer in Griechenland oder als fliegender Händler in Italien verdient.

Für viele Bewohner der Hauptstadt Tirana sind die Ausschüttungen der Fonds oft die einzige Einnahmequelle. In manchen Teilen des Landes herrscht nämlich totale Arbeitslosigkeit. Die staatliche Infrastruktur wird mit internationalen Hilfszahlungen, besonders von der Europäischen Union, am Leben gehalten. Private Haushalte überleben nur durch Zinsen. Wer von einem Arbeitsausflug über die grüne Grenze tausend Dollar mitbringt, kann damit unter Umständen eine große Familie ernähren - und zwar auf Dauer. Möglich wird das durch Zinssätze von 8 bis 25 Prozent, sogar bis zu 30 Prozent im Monat: Tausend Dollar können so 120 bis 300 Mark monatlich abwerfen, viel mehr, als auf einem der ohnehin raren Arbeitsplätze zu verdienen ist.

Schon vor einem halben Jahr nahm die Weltbank an, daß sich die Fonds von den Albanern zwei Milliarden Dollar geliehen hatten, ein Zehntel des Bruttosozialprodukts. Seither hat sich der Anteil noch ausgeweitet. Daß dieses System nicht lange gutgehen konnte, haben ausländische Finanzexperten schon vor Jahren prophezeit.