Sir Norman Foster, der englische Architekt, nach dessen elegantem Entwurfe gerade der Bundestag in das alte Berliner Reichstagsgebäude hineinoperiert wird, mag ihn nicht, unseren Parlaments-Adler, und er setzt viel Fleiß daran, daß ein neuer Vogel das Plenum schmücken möge.Doch der erste Entwurf des Foster-Tieres, den es jetzt zu sehen gab, zeigt eine erbärmlich skorbutöse Heuschrecke, zernagt, zerzaust beziehungsweise heftig durch den Wind, wie der Norddeutsche sagt. Nein, so nicht!Der Dicke muß bleiben!Der dicke Adler, den einst der Bildhauer Ludwig Gies (1887-1966) für den Plenarsaal schuf, 1953.Ein wackerer Mann, expressionistisch inspiriert, paradekunstbewährt schon in Weimarer Zeit, als er für Heinrich Tessenows Ehrenmal in der Neuen Wache den Silberkranz flocht 1936 dann vom akademischen Pöbel aus seinem Berliner Lehramt gejagt, sein Kruzifix für den Lübecker Dom wurde als entartete Kunst an den Pranger gestellt. Tut aber nur so nebenbei was zur Sache, denn das wichtigste bleibt doch, daß sein Tierchen unser aller Tierchen ist, geworden ist, in bald fünfzig Jahren. Dieser Vogel - der hing da, der sah immer zu, wenn sie tobten und brillierten, sich duellierten und vergifteten und die Herzen rührten, schwebte über ihnen, wenn sie trübe in ihren Bänken schnarchten und leise furzten, und hörte sie jubeln und stammeln und böse Witze machen und heilige Eide schwören, unsere Leute. Die großen Momente, großen Reden, Schicksalsdebatten, Kanzlerkrise, Kanzlersturz, stalingradeske Schlachten um Gesetzeskommata und Vertragssemikola - er war immer dabei.Er war immer dabei, ob nun die Jungen im Haus ihre erste Rede hielten oder die Alten Abschied nahmen oder das Parlament selbst Abschied nahm von einem seiner toten Helden, und hat gleichmütig gewacht und manchmal auch ein bißchen gegähnt.Und alle haben sie ihn gesehen, wie er da seine Fittiche ausgebreitet hat, hinter Erhard, hinter Strauß und Wehner, Carlo Schmid, Brandt und Schiller, unser Adler, der gute Adler, von Helgoland bis Berchtesgaden, von Aachen bis Leipzig und Rostock nur in Dresden und auf Usedom, das ist wahr, bekam man ihn nicht so recht rein. Fette Henne, zähes Tier: Er hat den Abriß des ersten Bundestages überlebt, zog mit ins Wasserwerk und war auch in Günter Behnischs wunderbarem Rund wieder auf dem Posten: mal ein bißchen verkleinert, mal im Material verändert, aber immer noch der Giessche Vogel, unverkennbar.Und wenn unser Hohes Haus - als frei gewähltes Parlament im dritten, zählt man den Rheinisch-Deutschen Nationalkonvent von 1793 noch ehrenhalber mit, im vierten Anlauf - überhaupt so etwas wie ein Symbol hervorgebracht hat, dann diese Silhouette. Selbstverständlich, wir können Norman Foster gut verstehen.Nichts Altes, Sperriges soll sein hochtechnisches Gesamtkunstwerk stören, den kühlen Charme, die gläserne Eleganz.Auch hätten wir Verständnis dafür, wenn er zum Beispiel Kanzler Kohl gerne draußen halten würde, weil zu unförmig für das dynamische neue Gebild, oder Herrn Schäuble, der sich ja selbst einen Krüppel nennt, oder den viel zu kurzen Herrn Blüm oder Brillenschlangen wie Herrn Scharping oder Frau Nolte, die sicherlich die Har monie des Mobiliars stören werden, oder Herrn Fischer in seiner nach wie vor arg wurstigen Erscheinung.Und wir bedauern auch, daß Karl Carstens schon so lange tot ist, er hätte sicher ganz fabelhaft zu Sir Normans Teppichboden gepaßt. Aber der Adler, der bleibt, ob nun in Glas oder Stahl oder Acryl oder Holz oder in Kupfer getrieben.Das ist nämlich nicht Kaiser Barbarossas Adler oder Preußens Adler, "der mir so tief verhaßt", wie Heine schrieb, oder Teutschlands Adler oder sonst so 'n Vieh - sondern unser Adler, Bürger Adler (oder Kleinbürger Adler), dick und rund, wie Gies ihn schuf.Unser Wappentier, Grundgesetz, Artikel 20, Absatz 2, erster Satz.Übrigens ein gutes Buch.