Die schwarze Königin und Alice gingen im Land spazieren, das hinter dem Spiegel liegt.In einem Land, in dem es überhaupt keine Spiegelbilder gab, in dem sich niemand im Spiegel hätte ansehen und sich zumindest mit sich selbst vergleichen können.In einem Land also, das, nichts als sich selbst sehend, sich selbst das einzige Beispiel war. Kein Zweifel, als Lewis Carroll seine Geschichte über Alice schrieb, träumte er, schrieb Phantasien nieder, ein Märchen.Leider aber haben wir uns nur allzuoft davon überzeugt, daß es keine Märchen gibt.Das Land hinter dem Spiegel ist so wirklich, wie es wirklicher nicht sein kann.Es existiert und heißt Serbien.Serbien ist kein Wunderland.Serbien ist ein Land von der anderen Seite des Spiegels, alles in ihm entspricht genau dem, was Alice erfahren hat.Dieses Land ist ein riesiges Schachbrett, auf dem schon jahrelang ein und dieselbe gigantische Schachpartie gespielt wird.Diese Partie kontrolliert der Schwarze König, er bewegt sämtliche Figuren und ist ihr einziger Stratege.Was die Figuren betrifft, so entschließen sie sich zuweilen, den Schw arzen König zu überlisten, sie verändern den Rhythmus ihrer Bewegung und legen eine unglaubliche Geschwindigkeit an den Tag, da sie aber im Land hinter dem Spiegel leben, gelingt es der Geschwindigkeit ihrer Bewegung nicht, irgend etwas zu verändern, alle Dinge behalten die gleiche Entfernung zueinander, sind erstarrt. Alles bleibt beim alten, wie versteinert in alle Ewigkeit. Dieser Tage nun wollten die Figuren in Serbien ihren Schwarzen König nicht weiter überlisten und in dem Spiel, das allein er sich ausdenkt, besiegen, nein, sie spielten einfach nicht länger mit.Die Bauern verließen die Partie, die der Schwarze König schon jahrelang spielt.Wie Alice sind sie entschlossen, aus dem Traum des Schwarzen Königs zu erwachen und auf dieser Seite des Spiegels Fuß zu fassen, den König (alias Slobodan Milosevic) seiner Wirklichkeit überlassend, die ohne Schatten und Abbild ist. Nun spielen in Serbien immer weniger mit.Gewaltige Demonstrationszüge in allen seinen größeren Städten, die nicht nur den Thron des Herrn Milosevic wanken machen, sondern auch seinen sicheren Abgang ankündigen, ereignen sich dank des Stimmendiebstahls bei den Kommunalwahlen. Dies hat eine innere Logik.Sind nicht andere Kapitalverbrecher, die sich jenseits des Gesetzes befanden, dank der Tatsache überführt worden, daß man ihre winzigen Gaunereien entlarvte?Milosevic wird nicht als großer Verbrecher abtreten, noch weniger als große historische Persönlichkeit, eher als ein kleiner Taschendieb. Man kann nur hoffen, daß niemand in Serbien Lust hat, auch noch den Schrecken auf dem Antlitz des Regimes abzuwarten, im Augenblick nämlich, da es sich endlich und endgültig im Spiegel sieht. Die jetzigen Ereignisse in Serbien können selbst professionelle Analytiker nicht ohne weiteres erklären.Hunderttausende von jungen, schönen, freudestrahlenden, gelassenen, gebildeten, armen und bestohlenen Bürgern erzeugen tagtäglich, schon zwei Monate lang, eine Karnevalsatmosphäre auf den Straßen Belgrads.Sie tanzen, spielen Tombola mit den Zahlen auf den Dienstmarken der Polizisten, laufen durch die Straßen, Lautsprecher tragend, aus denen uns der beste Rock and Roll entgegenschallt, dabei sinnieren sie nicht über das Schicksal der Nation, sondern sorgen sich um das Schicksal der Bürger.Woher kommen sie, woher so viele auf einmal in einem Land, in dem, will man den bisherigen Beschreibungen ausländischer Berichterstatter glau ben, nichts als nationalistische Monster leben, ungewaschene Primitive, analphabetische Fanatiker, zügellose Mordgesellen und degenerierte Verbrecher? Damit man etwas von einer Wirklichkeit in eine andere übertragen kann - läßt man einmal alle Unterschiede, von den historischen und soziologischen bis zu den ökonomischen und kulturologischen, unberücksichtigt -, braucht man ein Werte-system, einen allgemein akzeptierten Standard.Serbien ist ein Land, das außerhalb jeglicher Standards existiert.Es ist daher schwer, einem deutschen, französischen oder dänischen Leser verständlich zu machen, daß in diesem Land der Beruf des Diplomaten nicht die Kenntnis einer Weltsprache voraussetzt, der Direktor eines Fabrikgiganten kein Ingenieur sein muß, der Regierungschef ein Mafiaboß sein kann, der Minister für Gesundheit kein Arzt ist, ein Akademikertitel keine Kompetenz auf einem bestimmten Fachgeb iet voraussetzt, daß man Präsident eines souveränen Staates, in diesem Fall Jugoslawiens, ist und dabei lediglich die Vollmacht hat, Geburtstagstelegramme an alle Staatsmänner dieser Welt zu schicken, worin sich in etwa die Vollmachten des jetzigen Präsidenten von Jugoslawien erschöpfen.Denn in diesem Land jenseits jeden Standards werden alle Staatsbeschlüsse auf einer unteren Ebene getroffen und durchgeführt, das heißt durch die Person des serbischen Präsidenten, so als würde der erste Mann Sachsens die Politik ganz Deutschlands bestimmen. Deshalb kann man auf die Frage, warum es in Belgrad (trotz des Elends, der Armut, der langjährigen Herrschaft der Analphabeten und Primitiven) plötzlich soviel bürgerliches Bewußtsein, so viele raffinierte, urbane und geistreiche Arten des Widerstands gegen das Regime gibt, nur mit der These antworten, daß auch diese Erscheinung außerhalb des Standards angesiedelt ist.Diese Menschen, die den Gegebenheiten, unter denen sie existieren, zum Trotz leben, aber nicht dank dieser Ge gebenheiten, haben alles in allem nur wenige Wünsche: ihr Land an einen allgemein verbindlichen Standard heranzuführen, aus ihm ein Land zu machen, in dem sich, außer dem sattsam Alltäglichen, nicht viel ereignet, ein Land, das dem deutsche n, französischen und dänischen Leser verständlich sein soll, nicht aber ein Land, in dem nur die Phantastereien aus Alice' wundersamem Buch geschrieben, gelesen, geredet und verstanden werden.Vor allem aber wollen sie aus Serbien ein Land m achen, in dem man sich nicht ständig entlang schlüpfriger Serpentinen bewegt, sondern statt dessen zuweilen auch den geraden Weg geht. Nach Möglichkeit einen asphaltierten. Stellen Sie sich vor, daß in einem Land das oberste Prinzip die Abwesenheit jeden Prinzips ist und daß es eine einzige Regel gibt, nach der es keinen Meinungsaustausch zugunsten eines Prinzips geben kann.Man denke sich ein Studio, in dem es möglich war (und noch immer ist!), einen Film jeden Genres zu drehen, in der Art, daß man für einen Western keine Cowboys und Indianer und für einen Liebesfilm keine Liebenden braucht, daß man einen Actionfilm in einer einzigen Einstellung unter vollständig er Abwesenheit von Bewegung macht ein Studio, in dem man die Namen von Dingen an andere Dinge weitergibt, wo auf dem Tetra Pak für Milch Saft geschrieben steht, auf dem Tetra Pak für Saft Öl, auf der Packung für Kaffee Tee und so weiter bis zur voll ständigen Vermischung von Wörtern und Dingen.So ist Serbien ein Land, in dem die Dinge ihre Namen verloren haben, in dem man nichts mehr beim Namen nennt, in dem man nichts mehr benennen kann. Daher könnte man die Demonstrationen, die Serbien vor sechzig Tagen erfaßt haben, auch als den Versuch deuten, eine Wirklichkeit zu etablieren, in der den Dingen ihre Namen wiedergegeben werden, eine Wirklichkeit, in der man Verbrecher nicht Wohltäter und das Elend nicht Reichtum nennt, die Niederlage nicht zum größten Sieg aller Zeiten erklärt und das Leiden nicht zum Glück und die Dummheit nicht zur höchsten Weisheit stilisiert. Die Wogen des bürgerlichen Widerstandes in Serbien widersetzen sich also dem Grundprinzip des herrschenden Regimes, dem Prinzip jeden Regimes auf der anderen Seite des Spiegels, das da lautet: Zum Frühstück gibt's nur die Marmelade von gestern und die Marmelade von morgen.Nach diesem Gesetz gibt es die Marmelade von heute gar nicht, denn heute ist nicht gestern und nicht morgen.Nach diesem Gesetz wird also nie jemand jemals frühstücken können. Die Bürger Serbiens aber wollen aufwachen und sich endlich ein schönes Frühstück zu Gemüte führen.Die Bürger Serbiens wollen die Marmelade von heute. Der serbische Schriftsteller Dragan Velikic, 1953 in Belgrad geboren und in Pula auf der kroatischen Halbinsel Istrien aufgewachsen, lebt heute wieder in seiner Heimatstadt.Von seinen Romanen und Erzählungen sind im Wieser Verlag, Klagenfurt, erschienen: "Via Pula" (1991), "Das Astragan-Fell" (1992), "Stimme aus der Erdspalte" (1992) und zuletzt "Der Zeichner des Meridian" (1994). Übersetzung: Bärbel Schulte