WASHINGTON. - Israelische "Tauben" haben das von Premierminister Benjamin Netanjahu unterzeichnete Hebron-Abkommen mit Blumensträußen und freundlichen Worten für den Likud-Führer begrüßt. "Falken" in seiner eigenen Partei haben Netanjahu genauso spontan für den vermeintlichen Ausverkauf verdammt. Die Reaktionen aus beiden Lagern sind überzogen. Sie mißverstehen, was Netanjahu getan hat und was er sich weigerte zu tun.

Netanjahu verdient Anerkennung dafür, daß er das israelisch-palästinensische Bemühen um friedliche Koexistenz akzeptierte, indem er die Hebron-Lösung fortsetzte, die von seinen Vorgängern aus der Arbeiterpartei ausgehandelt worden war. Er erklärte sich bereit, die israelischen Truppen aus achtzig Prozent des Stadtgebietes von Hebron abzuziehen und die Sicherheit der arabischen Stadtviertel der palästinensischen Polizei zu übertragen.

Er hat Land der Westbank für das Versprechen des Friedens mit den Palästinensern in Hebron eingetauscht. Likud hatte das Tauschgeschäft "Land für Frieden" immer abgelehnt.

Die Überwindung dieser psychologischen Barriere - unter dem Risiko einer Aufspaltung der Regierungskoalition und seiner Partei - ist eine staatsmännische Tat Netanjahus. Aber er ist am vergangenen Dienstag nicht als "Falke" ins Bett gegangen und am Mittwoch, als das Abkommen unterzeichnet wurde, als "Taube" wieder aufgewacht.

Er vereinbarte zwar mit Jassir Arafat, daß es bis Mitte 1998 noch weitere Rückzüge von der Westbank geben werde. Aber Netanjahu behielt sich die Kontrolle über das Ausmaß und den Zeitpunkt solcher Abzüge vor. Er sicherte sich auch die Option, einem palästinensischen Staat, wenn er denn je existieren sollte, die volle Souveränität und Bedeutung vorzuenthalten.

All dies markiert eine neue Phase: Netanjahu und Arafat beginnen nun über die Zukunft und das Wesen eines palästinensischen Staates zu streiten. Verglichen mit diesem Streit werden die Schlachten der vergangenen sechs Monate verblassen.

Arafat errang einen moralischen Sieg, weil er Netanjahu und Likud in Verhandlungen einband, in denen eine palästinensische Eigenstaatlichkeit nicht automatisch ausgeschlossen wird.