PARIS. - Es wird immer deutlicher, daß einer der populärsten und einflußreichsten Sozialdemokraten den nächsten Bundestagswahlkampf mit dem Thema Euro führen will. Wie viele seiner Landsleute glaubt Gerhard Schröder offenbar, die Bundesrepublik mit ihrer immer noch stabilen Währung habe es nicht nötig, sich mit den komplizierten Franzosen oder Italienern auseinanderzusetzen (von Polen oder Tschechen ganz zu schweigen). Als eine der vielen Gefahren im Zusammenhang mit der Einführung des Euro malt der niedersächsische Ministerpräsident eine "Zuwanderung ungekannten Ausmaßes" an die Wand.

Das ist Demagogie pur. Denn sollte sich die soziale und ökonomische Kluft in Europa vertiefen, könnte die Festung der Grauhaarigen auch mit der Mark, der Bundesbank und Elektrozäunen an allen Grenzen dem Ansturm nicht standhalten. Gegen die vielfältigen Gefahren und Herausforderungen wäre der Euro eine gute Waffe. Eine gemeinsame Währung wäre auch die Voraussetzung dafür, daß wir uns endlich wieder in Richtung Vollbeschäftigung bewegen.

Der Niedersachse hat allerdings recht mit seiner Behauptung, die Wirtschafts- und Währungsunion könne langfristig nur funktionieren, wenn neben der Geldpolitik auch die Fiskal- und die Wirtschaftspolitik europäisiert werden. Da bleibt noch viel zu tun.

Der Niedersachse vertritt mit seinen kaum getarnten Attacken auf den Euro zwar nicht die Mehrheitsmeinung in der SPD (noch nicht?), aber seine Äußerungen sind ein Zeichen dafür, daß wir in eine gefährliche Phase des europäischen Integrationsprozesses eintreten.

Jetzt kommt überall die Generation an die Macht, die den Krieg in Europa (wenn man einmal von Konflikten auf dem Balkan absieht) nur noch vom Hörensagen kennt. Für diese Generation ist Frieden so selbstverständlich, daß man ihn nicht zu pflegen braucht. In Deutschland repräsentiert mit Gerhard Schröder just der Mann diese Haltung, dem Meinungsumfragen die besten Chancen für eine Herausforderung Helmut Kohls einräumen.

In der Haltung des niedersächsischen Ministerpräsidenten manifestiert sich jedoch ein grundlegendes Problem der SPD: Sie hat schon lange keine außenpolitische Verantwortung mehr getragen. Kein Wunder, daß in der Sozialdemokratie das Interesse am Internationalen abnimmt und die Neigung zur Deutschtümelei wächst. Ein zunehmendes Desinteresse von Sozialdemokraten am europäischen Einigungsprozeß ist jedenfalls nicht unvorstellbar.

Es wäre jedoch besonders tragisch für die Partei, die in Gestalt von Willy Brandt und Helmut Schmidt während der vergangenen Jahrzehnte so viel Großartiges für die europäische Integration geleistet hat. Noch besteht die begründete Hoffnung, daß die Sozialdemokratie ihre ruhmreiche internationale Tradition fortsetzt und erkennt, wie wenig hilfreich ein DM-Nationalismus für Deutschland und Europa wäre. Aber die Gefahr bleibt bestehen, solange ein einflußreicher Politiker wie Gerhard Schröder offenbar glaubt, mit populistischen Angriffen auf den Euro seien Wählerstimmen zu gewinnen.