Amerikanische Meteorologen waren die ersten. Sie haben herausgefunden, daß sich eine objektiv meßbare Außentemperatur je nach Wetter verschieden anfühlt. Bei 43 Grad im Schatten beispielsweise und gleichzeitig tosenden Eisblizzardwinden ergibt sich so eine "gefühlte Temperatur" von exakt 20,6 Grad - ideales Wanderwetter. Kalkulationsbasis ist eine hochkomplizierte "Behaglichkeitsrechnung", die mit Hilfe modernster Rechenschieber und eines wohl nicht mehr wegzudenkenden "Windchill-Faktors" den idealen Wohlfühlpunkt aller Wetterteilnehmer errechnet. Mathematik wird menschlich.

Aber hier darf die Neuverortung des Subjekts in der Welt der rationalen Zahlen nicht enden. Erweitern wir die Weltformeln um den Faktor Mensch! Machen wir uns die Algebra untertan!

Wir sind doch schon sprichwörtlich nur so alt, wie wir uns fühlen.

Finden wir uns eben damit ab, daß man zwar selbst immer kurz vor dem Ende steht, Hildegard Knef dagegen nie älter als Vierzig wird und Ernst Jünger demnächst ins wehrpflichtige Alter kommt. Gefühl ist alles! Auch müßten doch Minoritäten wie N. Blüm und St. Aust mit einer eben nicht gemessenen, sondern gefühlten Körpergröße von circa 1,85 Metern wesentlich zufriedener und nicht mehr so verbissen aus der Wäsche gucken. Auch gefühlte Preise wären natürlich wünschenswert. Warum sollten scheel blickende Spelunkenwirte berechtigt sein, so viel Geld von einem zu kassieren, wenn man sich doch am nächsten Morgen nur elend fühlt?

Aber bleiben wir realistisch: Auch weiterhin sollten Konfektionsgrößen objektiven Bemessungsgrundlagen verpflichtet sein. Heilloses Umtauschchaos in allen Bekleidungshäusern wäre die Folge, wenn Menschen Klamotten nach Gusto-Größe kaufen würden. XL-Trikotagen türmten sich auf Wühltischen zu Bergen, weil sich alle, wie Obelix bei der Ausgabe von Legionärsuniformen, auf die viel zu engen Mittelgrößen stürzen würden. Und Geschwindigkeitskontrollen sollten auch weiterhin gefühllos mit Radarstrahlen gemacht werden bislang hörte man von keinem Automobilisten, der je das Gefühl hatte, schneller als erlaubt gefahren zu sein.

Für die sensuelle Umgestaltung der Welt brauchen wir viele Fühlexperten: Fühlosophen, die das Wunder der emotionalen Intelligenz predigen, ferner Fühlologen und Fühlschreiber, die pausenlos Aufrufe wie diesen hier abfassen.

Wenigstens im Finanzbereich regiert schon der persönliche Eindruck.