Ihre äußere Gestalt hat die Botschaft seit zehntausend Jahren bewahrt: Zickzacklinien, Striche, tierähnliche und halbmondförmige Umrisse, eingeritzt in fünf Täfelchen aus Stein. Die Zeichen erinnern an die Symbole, die sich zu Hunderten an den Wänden prähistorischer Höhlen finden und deren Bedeutung bisher niemand versteht. Doch die Anordnung der Kratzer auf den Steinen scheint einer Ordnung zu folgen - und das versetzt ihre Entdecker, ein französisches Archäologenteam unter der Leitung von Danielle Stordeur, in Aufregung.

Was sie da in Jerf el Ahmar im syrischen Zweistromtal ausgegraben haben, so glauben die Forscher, sei ein "uraltes Zeichensystem".

"Wir haben nicht im entferntesten damit gerechnet, bei unseren Ausgrabungen auf so etwas zu stoßen", sagt Danielle Stordeur, deren Arbeitsgruppe am mittleren Euphrat nach Überresten einer steinzeitlichen Kultur von Jägern und Sammlern gräbt. "Die Funde stellen unsere Vorstellungen darüber auf den Kopf, wie die Menschen der Jungsteinzeit miteinander kommuniziert haben."

Die Kratzer und Riefen sind rund zehntausend Jahre alt - damit existieren sie doppelt so lang wie die älteste bisher bekannte Schrift: die ebenfalls im fruchtbaren Mesopotamien entstandene altsumerische Piktographie, die ähnlich wie die ägyptischen Hieroglyphen funktionierte. Mit diesen Schriften wurden in hoch entwickelten, zentral organisierten Zivilisationen Arbeit und Gesellschaft gesteuert. Bisher glaubte man, daß graphische Zeichensysteme vor dieser Zivilisationsstufe nicht aufgetaucht waren.

Zwar handelt es sich bei den Gravuren, wie Danielle Stordeur einräumt, "um keine Schrift", aber doch um ein kohärentes Zeichensystem.

Immer wieder tauchen die gleichen Zeichen auf. Ihre Anordnung und Wiederholung dient keinen dekorativen Zwecken, sondern allein der Information. Doch Schlangenlinien, Haken und Kreisbögen bilden keine Sätze: "Eher handelt es sich um eine kurze Zusammenfassung von Hinweisen auf bestimmte Ereignisse oder Zusammenhänge, sozusagen eine symbolische Bildgeschichte, ein Textogramm", erklärt die Archäologin.

Die Menschen, die vor zehntausend Jahren ihre gezackten und verzweigten Symbole in den Stein gekratzt haben, lebten in einer Umbruchphase, in der neolithischen Revolution. In diesem langen Prozeß, der im Abendland vor fünfzehntausend Jahren einsetzte, wurden die Menschen seßhaft. Sie begannen, Vieh zu züchten und eigenes Land zu bebauen. Der nun entdeckte Steincode könnte, so hoffen die Wissenschaftler, weiteres Licht in diese Epoche der Zivilisation werfen, aus der vor fünftausend Jahren die ersten städtischen Hochkulturen entstanden.