Der Satz von Fassbinder klingt ihm noch heute in den Ohren. Als Daniel Schmid Fassbinder traf, im wilden Berlin der sechziger Jahre, als sie sich anfreundeten, weil sie beide in der Provinz und in einem Matriarchat aufgewachsen waren, als sie einander nächtelang ihre noch nicht gedrehten Filme erzählten, hat Fassbinder zu ihm gesagt: "Du bist ein verwöhnter Schweizer Hotelierssohn, du wirst das niemals schaffen."

Jahre später hat Daniel Schmid dem Freund geantwortet, in "Schatten der Engel", seinem Film nach Fassbinders Skandalstück "Der Müll, die Stadt und der Tod". Fassbinder spielt darin den Zuhälter, der Ingrid Caven, die Hure, verläßt, weil er den falschen Luxus nicht länger ertragen kann. Sie erwidert ihm: "Ich danke dir für deine Schläge, die mich wachgemacht haben."

Das Studium an der Berliner Filmakademie, das Fassbinder erst gar nicht aufgenommen hatte, brach Daniel Schmid ab und drehte im Hotel der Großeltern seinen ersten langen Film. "Heute nacht oder nie": Die Herrschaft gibt den Dienern ein Fest, Ingrid Caven spielt Emma Bovarys Tod, und der Komödiant hält eine Rede auf die Revolution, aber die findet nicht statt. Ein Schwanengesang in Zeitlupe. Der Glamour ist verschattet, der Kitsch ein todtrauriges Arrangement und das Kino eine Geisterstunde, ein Jahrmarkt der Melancholie.

So hat er es dann doch geschafft, seitdem zehn Filme gedreht und vier Opern inszeniert, aber nicht mit rebellischem Ungestüm wie Fassbinder, sondern auf eigensinnig altmodische Weise. Mit jeder traumwandlerischen Kamerafahrt Renato Bertas zelebrieren Schmids Filme die Langsamkeit und den Blick zurück mit jedem der Bühnenbilder Erich Wonders, zuletzt in Zürich für Verdis "Troubadour", verführt er sein Publikum in das Labyrinth der excitation bizarre, der totgesagten großen Oper des 19. Jahrhunderts: lauter Protestnoten gegen das Vergessen. Daniel Schmid ist ein Anachronist, ein Flaneur durch versunkene Bilderwelten, ein Rebell der angehaltenen Zeit.

In seinen Filmen herrscht immer Fin de siècle. Das Max-Ophüls-Filmfest in Saarbrücken bietet in diesen Tagen (21. bis 28. Januar) Gelegenheit, die Filme wieder einmal zu sehen.

Wir sitzen in Locarno, im Hotel am See auf der Terrasse, im Hintergrund spielt der Mann am Klavier, und Daniel Schmid erzählt. Erzählt mit seiner leisen, heiseren Stimme, die eine Krebserkrankung vor neun Jahren beinahe hat verstummen lassen. Aber weil ein Geschichtenerzähler nun wirklich eine Stimme braucht, hat er sie der Krankheit abgetrotzt nun klingen seine Geschichten so angerauht und eindringlich wie die Melodien auf einer alten Grammophonplatte.

Zum Beispiel die von Josef von Sternberg und dem Kommilitonen in der Badewanne. "Ich gehörte damals zu den Kuchenfilmern so nannten die Politfilmer an der Akademie die Ästheten, Leute wie Wolfgang Petersen oder mich. Eine Tages gab Josef von Sternberg ein Seminar, und am Schwarzen Brett hing ein Zettel, wir sollten die Veranstaltung boykottieren, denn Sternberg sei ein Agent des CIA. Aber das war doch der große alte Sternberg, den ich verehrte, das mit dem Boykott sah ich nicht ein." Abends, bei Freunden, ging einer der Studenten sich waschen, weil es in den Kommunen keine Badewannen gab, und Sternberg mußte aufs Klo, aber der alte Mann wagte nichts zu sagen. "Schließlich mußte die Hausherrin eingreifen und den Studenten wecken, der in der Wanne eingeschlafen war, damit Josef von Sternberg aufs Klo gehen konnte." Das ist Daniel Schmids Geschichte von der Studentenbewegung.