In düsterster Stimmung trat die Fraktion von CDU und CSU zusammen.

Er glaube nicht mehr daran, daß "der Herr Bundeskanzler eine neue Mehrheit im Bundestag erreichen wird", sagte ein Abgeordneter.

Man redete um den heißen Brei herum, bis es dem 36 Jahre jungen Vorsitzenden der rheinland-pfälzischen CDU zu bunt wurde. Jeder wisse doch, um was es gehe, sagte er forsch, aber keiner spreche es aus: "Deswegen meine ich, wir sollten jetzt schlicht und einfach die Namen auf den Tisch bringen." Gemeint waren die Namen der möglichen Nachfolger des Kanzlers. Es war der Startschuß für dessen Sturz.

Das alles trug sich am Nachmittag des 9. November 1966 zu. Der Bundeskanzler hieß Ludwig Erhard nach seinem Rücktritt zog er sich verbittert aufs Altenteil zurück. In den Kanzlerbungalow, den er hatte bauen lassen, zog Kurt Georg Kiesinger ein, zuvor Ministerpräsident in Baden-Württemberg er stand einer Koalition aus Union und SPD vor, die den von Erhard hinterlassenen Reformstau abarbeitete, ungewollt die Rebellion der Studenten anheizte und durch beides zusammen die Nachkriegszeit abschloß, für die der Name Ludwig Erhard stand.

Heute hat der junge Heißsporn aus Mainz, er heißt Helmut Kohl, längst Konrad Adenauer an Kanzlerjahren überrundet und ist auch nur noch zweieinhalb Jahre jünger als Erhard bei seinem Sturz.

Die Feiern zum hundertsten Geburtstag Erhards am 4. Februar hat er zur Chefsache erklärt. Er sieht sich, wenn schon nicht als Enkel, so doch als politischer Neffe des zweiten Bundeskanzlers.

Aber auch die Sozialdemokraten, gegen deren Widerstand Erhard einst die Marktwirtschaft durchsetzen mußte, sehen ihn heute als "einen der Unsrigen", wie Fraktionschef Rudolf Scharping sagte.