Daß Lebewesen, die der gängigen Norm im Aussehen und Verhalten nicht entsprechen, von ihren Artgenossen verstoßen, ja vernichtet werden, läßt sich schon bei Tieren beobachten: Da hacken die Hennen heller Rasse ihre durch Kreuzung entstandenen schwarzen Küken gleich nach dem Schlüpfen zu Tode und da verstoßen Wildenten Junge, die am Kopf nicht die arttypische Streifenzeichnung aufweisen.

Auch Naturvölker töteten Neugeborene, die verunstaltet zur Welt kamen. Man erstickte, erwürgte, ertränkte, verbrannte die Kinder, begrub sie bei lebendigem Leibe oder setzte sie in der Wildnis aus. Da man glaubte, Dämonen würden sich in den entstellten Zügen der kleinen Krüppel zu erkennen geben, wurde den Leichnamen auch kein formelles Begräbnis zuteil. Man warf sie in den Busch oder verscharrte sie.

Auch die Hochkulturen brachten nicht automatisch einen Fortschritt an Humanität mit sich. Platon läßt Sokrates in einem Dialog berichten, daß es Aufgabe der Hebammen sei, "Mißgeburten" zu identifizieren, deren sich die Mütter dann zu entledigen hatten. Und Aristoteles erklärt in seiner "Politik" bündig: "Was aber die Aussetzung oder Auferziehung der Neugeborenen betrifft, so sei es Gesetz, kein verkrüppeltes Kind aufzuziehen."

Teile der christlichen Geistlichkeit versuchten dann zwar, der überkommenen Praxis des Ausmerzens Einhalt zu gebieten. In den Kirchen wurden Marmorschalen oder Krippen angebracht, in denen unerwünschte Kinder deponiert werden konnten. Sie wurden dann in Findelhäusern aufgezogen. Der Glaube jedoch, bei physischer Abartigkeit mit dem Bösen selbst konfrontiert zu sein, das es zu vernichten galt, war tief verwurzelt. Diese Überzeugung fand noch in Martin Luther einen wortgewaltigen Fürsprecher: Verunstaltete Neugeborene, so beschied er, sollten getötet - am besten ertränkt - werden, denn sie würden ohnehin nur unnütz "fressen und saufen".

Im späteren 19. und 20. Jahrhundert erblickte man dann in der Naturgeschichte jene Instanz, die, ganz ohne menschliche Einwirkung, kurzen Prozeß macht. Die Evolution gibt nur jenen Exemplaren eine Chance, die sich als angepaßt und durchsetzungsstark erweisen.

Bereits Darwin beklagt jedoch, daß die allzu human gewordene Menschheit der Natur dabei ins Handwerk pfusche. Durch die Unterstützung von Armen und Kranken, auch durch Vorsorgemaßnahmen wie Impfungen, werde verhindert, daß den Schwachen ihr gerechtes Los zuteil wird.

Die Ideologen der Rassenhygiene arbeiteten dann vielerorts darauf hin, der Natur wieder auf die Sprünge zu helfen und ihr die Norm für das, was als artgerecht galt, vorzuschreiben - ein Programm, das in Deutschland mit beispielloser Brutalität in die Tat umgesetzt wurde.