Im glasklaren Wasser zeichnen sich schwarze, fast kreisrunde Schatten ab. Blitzschnell kommen sie näher, huschen um die Yacht. Auf der Happy Hooker lösen die dunklen Wesen zwiespältige Reaktionen aus: Angst und Faszination. Augenblicklich kursieren Gruselszenen aus Hollywoodstreifen wie dem "Weißen Hai" und "Piranhas". Männer frotzeln mit Sprüchen wie "Frauen und Kinder zuerst". Alle starren aus nächster Nähe, nur durch den Bootsrumpf getrennt, auf die Meute, die nur darauf zu warten scheint, daß einer über Bord geht.

Das Schiff liegt bereits vor Anker. Aus der Stereoanlage dringt gedämpfte karibische Musik. Die Sonne strahlt. Das Meer ist ruhig.

Ein idealer Tag für den ersten Besuch in "Stingray City". Die "Stadt der Stachelrochen" liegt vor der Nordküste von Grand Cayman, der Hauptinsel eines nur 259 Quadratkilometer kleinen Karibikarchipels südlich von Kuba.

Früher waren die Caymans berüchtigt als Seeräubernest, weshalb noch bis heute Reichtümer versteckt im Wasser um Grand Cayman, Little Cayman und Cayman Brac vermutet werden. Aber nicht nur deshalb sind die Inseln bei Tauchern so beliebt. Sie gehören zu den besten Unterwassersportrevieren der Welt. Reichtümer werden heute längst über Wasser gehortet. Grand Cayman hat mehr Banken und Finanzzentren als irgendeine andere Insel der Welt, inklusive dem New Yorker Eiland Manhattan.

Davon spürt man viel im dichtbesiedelten Süden, wo in der modernen Duty-free-Hauptstadt Georgetown Diamanten und Rolexuhren in den Schaufenstern blinken. Im naturbelassenen Norden aber, wo nur vereinzelt gelangweilt dreinschauende Kühe zwischen wild blühenden Kakteen, Mangrovenbäumen und Jasminbüschen am Straßenrand stehen, merkt man davon freilich nichts. Eine kleine Oase in der Wildnis ist Rum Point, der einzige Sandstrand im Norden. Draußen im Meer vor Rum Point liegt die Stadt der Stachelrochen.

Diese "Stadt" ist natürlich keine wirkliche Siedlung, sondern eine sandige Untiefe. Seit Jahrzehnten werfen Fischer, die mit ihren Fängen von hoher See in den Hafen zurückfahren, dort ihre Fischabfälle ins Wasser. Ohne es zu merken, haben sie damit eine Art Gratisrestaurant für die Stachelrochen eröffnet. Und weil Liebe bekanntlich durch den Magen geht, zeigen sich die Karibikflundern in Stingray City von ihrer freundlichsten Seite.

"Habt keine Angst vor den Stachelrochen", sagt Kapitän Eddie.