Mitunter ist der Weg nach Mailand vom Mißgeschick gepflastert.

Dabei wollte Jil Sander, Deutschlands Topexport in Sachen Mode, diesmal extra pünktlich kommen. 7.30 Uhr ab Hamburg, ihr Trupp saß vollzählig in der Alitalia-Maschine erst hieß es: "Technische Probleme", dann lag Nebel über Mailand - keine Starterlaubnis.

Mittags war die Ungeduld nicht länger zu bremsen. Man buchte um: über Zürich ging es nach Lugano und von dort mit dem Auto weiter. Die Stimmung war nicht mehr ganz so brillant, als das Team abends am Schauplatz eintraf.

Eine symbolische Verspätung, wenn man so will. Daß Jil Sander die Männer anziehen will, hieß es bereits 1992. Zwölf Stunden, fünf Jahre - in einer Welt, die nichts anderes kennt als den Jahreszeiten FrühjahrSommer und HerbstWinter entgegenzufiebern, ist der rechte Zeitpunkt schnell verpaßt.

Piazza Castello 1, der Jil-Sander-Showroom. Assistentinnen in schmalen Hosen und enganliegenden Pullöverchen, das Credo von der Reinheit augenfällig verkörpernd, geben letzte Anweisungen ins telefonino und sehen schon mal sehr optimistisch aus. Noch einmal prüft ein Dutzend Kameraleute, vorwiegend in Baseballkappen und Turnschuhen, Licht und Blende, während die schreibenden Kollegen gucken, wer fehlt. Kaum einer! Gleich sechs Plätze hat L'Uomo Vogue reservieren lassen, die New York Times immerhin drei - das Jahresereignis. Anna Piaggi, die Lokalmatadorin der Journale, mußte nicht lange gebeten werden, und Suzy Menkes (Herald Tribune) hat ihre angeblich von Karl Lagerfeld empfohlene Haartolle noch zwei Zentimeter höher gezwirbelt. All das bedeutet: Man ist gespannt.

Hat Jil Sander den Anzug neu erfunden? Oder gar - den Mann?

Da kommen sie, ihre handverlesenen Jungs, einzeln, leise und fast sanft, als ob es Pfauen und Gockel nie gegeben hätte. Larry Scott, ein Star der neuen Modelgeneration, nicht eben ein braungebrannter Bodybuildertyp. Auch bei Edward Ferguson, dem Blonden mit dem Raspelschnitt, keine Adlernase, kein männlich wiegender Gang.