Seit die Welt die Welt ist", schrieb Rudolf Borchardt 1926, "wandelt die rächende Nachwelt mit ihrer rückwärts leuchtenden Fackel die zertretenen Felder der Vergangenheit zurück und hebt die verschleuderten Demanten, die verworfenen Perlen aus dem Schutte schuldiger Zeiten empor."

Es ist wieder soweit. Die Berliner Schaubühne hat, die Felder der Vergangenheit auf Verschleudertes und Unerkanntes, auf Preziosen aus dem Abseits unermüdlich absuchend, eine Perle des Dichters Borchardt gehoben und präsentiert sie in der Fassung der Damen Clever und Lampe: ein Kleinod der Jahrhundertwende, erkennbar Schmuck ganz abgelebter Epoche, aber beschimmert von Jutta Lampes Schauspielkunst. Ein Abend mit Prosa vergangener Zeit, von lebenden Menschen nachgesprochen. Theater? Am Rande und am Schluß.

Ein Ehebruch wird berichtet: Zu einer Beichte fehlt Rosie das Schuldgefühl, aber sie möchte ihrer Kusine doch genau erzählen, was sie, nach Jahren anständig dargestellter Bourgeoisie, dazu gebracht hat, ihre Ehe mit dem bekannten Ohrenspezialisten Dr.

Günther Büdesheimer überraschend, entschlossen und schnell zur Strecke zu bringen. Schließlich ist eine mäßig unglückliche Ehe zu jener Zeit, da Freud die Hysterie, Ibsen seine "Nora" und Schnitzler das "Fräulein Else" erfanden, ein Konfektionsschicksal. Rosie aber will ihr Leben nicht verläppern, sondern nach ihren Maßen führen, einmal den Aufruhr, das Extrem, den Kampf erleben. Einmal Mann sein, natürlich als Frau: "Es war nicht Hingabe, es war Aufstand."

Borchardts Text, den Edith Clever als Regisseurin auf die Bühne brachte, ist eher Kurzgeschichte als Novelle: wie in wenigen Minuten ein Leben sich entscheidet, und wie sich diese Entscheidung vorbereitet.

Daß dieser tiefe Blick ins Panoptikum der Geschlechtergeschichte im gepflegten Taubenblau der Schaubühne über Stunden hin interessiert, ist Jutta Lampes Virtuosität zu danken: Sie macht aus der Folie des abwesenden Ohrenspezialisten, der ein Pedell seiner Karriere und seines Restlebens war, ein ordentliches Feindbild - und aus einer eher durchschnittlichen Enttäuschten eine Rächerin mit allen Nuancen. Ihre Stimme, grau vor Erbitterung, trägt ruhig die edle Schleppe von Borchardts Sprache durch den Abend. Dazwischen Sarkasmus, Gellen und Witz, Schärfe und burschikose Helligkeiten, sentimentales Abgleiten und liturgische Leier - und immer wieder alle Tonarten der Empörung und der Langeweile, und der gelangweilten Empörung.

Theater? Wie man es nimmt. In jedem Fall eine Erinnerung, daß Rudolf Borchardt, der chronisch Vergessene, sehr wunderbare Prosa schrieb.