Als der 54jährige Helmut D. den Saal im Bremer Amtsgericht betritt, kommt er nicht wie ein geknickter Angeklagter daher. Mit seinem sportlichen Sakko, dem blauen Oberhemd und der roten Seidenkrawatte unterscheidet er sich augenfällig von seinen früheren Kollegen, die im Zuschauerraum Platz genommen haben, eingemummelt in dicke Anoraks. Vor einigen Jahren ist D. vom Außendienst des Gewerbeamtes auf einen Schreibtischposten gewechselt. Allerdings hat er den Wechsel nicht seiner Sachkenntnis und seinem Diensteifer zu verdanken, sondern dem Hang, die Sorge um das leibliche Wohl mit dienstlichen Aufgaben zu vermengen.

Eigentlich sollte Helmut D. in den Küchen von Bremer Lokalen nach dem Rechten sehen und dort Schlamperei aufspüren. Doch um die Mittagszeit überfiel den Beamten stets der Hunger. Weil er nicht von mitgebrachten Stullen leben mochte, ließ er sich im eben inspizierten Betrieb gern ein Gedeck auftragen. Ohne auch nur ein einziges Mal für die kulinarischen Selbstversuche zu zahlen. Nun lautet die Anklage auf Nötigung.

Auffallend selten ließ sich der Kenner von heimischen Köstlichkeiten wie Grünkohl mit Pinkel in Versuchung führen. Bevorzugt kehrte Helmut D. in ausländischen Familienbetrieben ein, bei Griechen, Italienern und Chinesen, wo man nicht wagte, dem Amtmann nach Speis und Trank die Rechnung neben den Teller zu legen. Mit einem gutgelaunten "Was gibt es denn heute Schönes?" beehrte er den Italiener "Mama und Papa". Als Vorspeise pickte sich D. feine Häppchen vom Büfett heraus dem folgte ein herzhaftes Fleischgericht, und schließlich machte er sich mit ein paar Flaschen Wein unter dem Arm davon - so sieht es zumindest die Anklage.

Nie mußte der Beamte drohen, bei der nächsten Kontrolle die Küche auf den Kopf zu stellen die unfreiwilligen Gastgeber verstanden seine Wünsche auch ohne viele Worte. Entsprechend hilflos klingen die Aussagen der Zeugen: "Wir dachten, das sei in Deutschland üblich." Oder: "Ich wäre doch verrückt, wenn ich Geld verlangt hätte." Die geschröpften Wirte halten sich bedeckt, weil sie wissen, daß das Austeilen von Geschenken an Amtspersonen strafbar sein kann.

"Im wesentlichen" gibt Helmut D. alles zu, aber nur, um seine Eskapaden zu verharmlosen. So stellt er klar, beim Chinesen "Man Wah" nicht dreißig-, sondern höchstens fünfmal eingekehrt zu sein.

Man habe ihn eben eingeladen, und die Getränke seien ihm geradezu aufgedrängt worden. Die Aussage eines griechischen Gastronomen setzt andere Akzente: Immer, wenn der Kontrolleur sein Lokal betrat, berichtet der Wirt, habe er den guten Cognac versteckt, damit D. nur billigen Ouzo einpacken konnte. Die gehäuften Besuche in seinen Stammlokalen begründet der Angeklagte damit, daß es Beschwerden gegeben habe, die häufige Kontrollen erfordert hätten.

Der Rechtsanwalt des Angeklagten präsentiert eine amtsinterne Absprache, die Staatsdienern die Annahme von Geschenken bis zu einem Wert von zwanzig Mark erlaube. Wenn die Verfasser dieser Dienstanweisung auch eher an unverlangt zugesandte Firmenkalender und Kugelschreiber dachten, so liege ein Mittagsgedeck doch unter dieser Wertgrenze, jedenfalls dann, wenn man Wein und Spirituosen, die D. regelmäßig für seine Hausbar requirierte, großzügig außer acht läßt. Richter und Staatsanwalt zeigen Verständnis für den hungrigen Kontrolleur. Beide gehen davon aus, sein Verhalten sei allgemein üblich. Daher wird der Angeklagte nicht verurteilt, das Verfahren wird gegen Zahlung einer Geldbuße von 4000 Mark eingestellt. Unter D.s früheren Kollegen findet der Richterspruch keinen Beifall. "Das ist ja ein Freibrief!"