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Plato machte es sich einfach. Als er darüber nachdachte, woher ein Dichter seine Einfälle nimmt, kam er zu dem Schluß, der Musensohn sei eben heilig und spreche "nicht kraft einer Kunst, sondern durch göttliche Macht". Diese elegante Scheinerklärung des Rätsels der Kreativität hat sich jahrhundertelang gehalten. So meinte auch ein Mozartkritiker der Times, der Maestro sei göttlich inspiriert gewesen. Und selbst Physiker wie Leo Kadanoff nennen ihre Eingebungen gerne ein "Geschenk der Götter".

Auch weniger heilige Schilderungen davon, wie große Ideen entstanden, haben bisher bei einer Erklärung nicht viel weitergeholfen. Künstler und Wissenschaftler können selten angeben, woher ihre Geistesblitze kommen. Daran hat sich nichts geändert seit den Zeiten, zu denen Archimedes "Heureka" jubelnd aus dem Bad gesprungen sein soll, weil er das Prinzip des Auftriebs entdeckt hatte.

So liest sich Friedrich August von Kekulés berühmter Bericht von der Entdeckung der Benzolringstruktur wie die weltliche Version der göttlichen Eingebungen. Als er 1865, in seinem Lehnstuhl am Kamin sitzend, einschlief, sah er im Traum plötzlich eine Schlange, die ihren eigenen Schwanz im Maul hatte: "Wie vom Blitz getroffen, wachte ich auf." Solche Geschichten klingen beeindruckend, und viele Leser lieben sie. Denn sie halten es gerade für einen Beweis der Größe des menschlichen Geistes, daß anscheinend nicht zu begreifen ist, wie er arbeitet. Psychologen, die das versuchen, schätzen derartige Berichte dagegen weniger. Franz Weinert vom Max-Planck-Institut für psychologische Forschung in München moniert, in Autobiographien von Gelehrten fänden sich "die schlimmsten Auswüchse von Selbstmystifizierung". Der amerikanische Kreativitätsforscher Robert Weisberg analysierte solche Dokumente und kam zu dem Schluß, daß sich darin Erinnerungen derart mit Interpretationen mischen, daß Memoiren letztlich nichts beweisen.

Den Legenden setzen Kreativitätsforscher eine provozierende Behauptung gegenüber: Genies denken im Grunde nicht anders als normale Menschen.

"Was Sie, Mozart, Einstein und Picasso gemeinsam haben" lautet der Titel eines Werks von Robert Weisberg. Die Psychologin Margaret Boden versichert in ihrem Buch "Die Flügel des Geistes", daß "schöpferisches Denken keine spezifische Fähigkeit voraussetzt, sondern einen Aspekt der Intelligenz im allgemeinen darstellt".

Natürlich konnte Mozart besser komponieren als etwa die Leser von Weisbergs Buch. Doch das muß nicht heißen, das sein Gehirn völlig anders arbeitete. Wahrscheinlich erkannte Mozart einfach musikalische Strukturen besonders gut, da ihn sein Vater früh ans Klavier setzte. Doch das heißt nicht, daß bei Mozart alles wie von selbst ging. Zwar soll er geschrieben haben, daß ihm musikalische Einfälle ohne jede Anstrengung von irgendwoher in den Sinn kämen. Doch dieser vielzitierte Brief ist wahrscheinlich eine Fälschung.

Auch die Leistungen von Archimedes und Kekulé kamen keineswegs aus dem Nichts. Beide hatten tagelang über ihr Problem nachgedacht und kannten sich in ihrem Fach aus. Ungewöhnlich kreative Menschen verfügen laut Margaret Boden über mehr Wissen als andere und haben den Willen, es auch einzusetzen. So arbeitete Darwin jahrzehntelang hartnäckig an seiner Theorie der Entstehung der Arten.

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Statt auf göttliche Eingebungen gehen selbst epochale Gedankenblitze auf ein letztlich einfaches Prinzip zurück: Ein kluger Kopf wendet das bekannte Wissen im Kopf hin und her, setzt die einzelnen Teile immer wieder neu zusammen, bis sie sich plötzlich zu einer neuen Idee fügen. Das braucht durchaus nicht bewußt zu geschehen, und das Ergebnis kann seinen Schöpfer völlig unvorbereitet treffen - trotzdem sind nur normale Denkprozesse am Werk, nichts Magisches.

Sachkenntnis ist auch für den zweiten wesentlichen Teil der Kreativität unabdingbar. Wer ein erfolgreiches Genie sein will, braucht nicht nur viele neue Einfälle. Er muß unter ihnen auch die erfolgversprechenden erkennen. "Wie kommt es, daß unter den tausend Produkten unserer unbewußten Tätigkeit einige dazu berufen sind, die Schwelle zu überschreiten, während andere draußen bleiben müssen?" fragte der Mathematiker Henri Poincaré. Die Auswahl ist keineswegs leicht.

Als Johannes Kepler den brillanten Einfall hatte, daß die Planeten sich auf elliptischen Bahnen um die Sonne bewegen, hielt er ihn zunächst für "eine Fuhre Mist". Und der Präsident der Linnéschen Gesellschaft berichtete über die Sitzungen des Jahres 1858, es habe keine besonderen Entdeckungen gegeben. Daß Charles Darwin seine Theorie der natürlichen Auslese vorgestellt hatte, schien ihm nicht weiter wichtig. Nur wer selbst gut Bescheid weiß, hat die Chance, den Wert einer Idee zu erkennen.

Diese moderne Theorie der Kreativität besitzt den Vorzug, ohne göttliche Eingriffe und andere Mysterien auszukommen. Das Problem ist nur, sie zu beweisen. Normalerweise belegen Forscher ihre Thesen, indem sie damit Vorhersagen treffen. Im Fall der Kreativität ist daran nicht zu denken. Neue wissenschaftliche Ideen lassen sich schlicht nicht vorhersagen, andernfalls könnten die Kreativitätsforscher sämtliche Nobelpreise gleich selber holen. Einen bestimmten Einfall experimentell herbeizuführen gelingt schon gar nicht.

Aber könnte man nicht dadurch demonstrieren, daß man die Natur der Kreativität verstanden hat, indem man die vermuteten Prozesse auf einem Computer simuliert und diese Maschine anschließend schöpferisch tätig wird? Solche Versuche hat es tatsächlich gegeben. Der Psychologe und Hobbypianist Philip Johnson-Laird entwarf ein Programm, das auf einem Synthesizer Jazz improvisiert - ungefähr auf dem Niveau eines begabten menschlichen Anfängers. "Obwohl es nicht so schnell mit Wynton Marsalis auf Tournee gehen wird, läßt sich kaum bestreiten, daß es in gewissem Sinn kreativ ist", lobte der New Scientist.

Ein anderer Versuch namens Eurisco wurde auf Computerchips angesetzt.

Die Software brachte tatsächlich patentreife Ideen hervor. Das Programm nahm auch an einem Kreativitätswettbewerb teil, bei dem die Teilnehmer Kriegsschiffe für eine simulierte Schlacht entwerfen mußten. Über Euriscos unkonventionelle Flotte lachten die menschlichen Konkurrenten herzlich, doch das Programm gewann mit ihr. Im nächsten Jahr holte es gleich noch einmal den ersten Preis. Dann durften Computer nicht länger mitmachen.

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Ein drittes Programm sollte versuchen, die Sätze Euklids neu zu beweisen. Es schaffte dies in über fünfzig Fällen, einmal sogar eleganter als Euklid persönlich. Der "Automatische Mathematiker" hingegen mußte selbst neue mathematische Ideen hervorbringen.

In seiner Glanzstunde verfiel das Programm auf den Gedanken, sämtliche geraden Zahlen größer als zwei ließen sich als Summe von zwei Primzahlen schreiben. Das jedoch ist Christian Goldbachs bis heute unbewiesene Vermutung, die diesen Mathematiker des 18. Jahrhunderts unsterblich machte.

Haben Wissenschaftler die menschliche Kreativität also schon so gut verstanden, daß sie sie sogar auf Computer übertragen können?

An Zweiflern fehlt es nicht. Womöglich profitierte beispielsweise der "Automatische Mathematiker" von den Leistungen seiner menschlichen Vorbilder. Denn das Programm ist in der Sprache LISP geschrieben, in deren Struktur bereits viele mathematische Ideen eingebaut sind.

Improvisiert die Musiksoftware wirklich kreativ, oder klimpert sie nur mechanisch musikalische Variationen herunter? Sind die Rechenknechte wirklich kreativ? Haben die Psychologen das Wesen der Kreativität erfaßt?

Über diese Frage läßt sich nur schwer debattieren, denn eine allgemein anerkannte Definition der Kreativität gibt es nicht. Deshalb haben die Psychologen ihre liebe Not damit, Kreativität zu messen. Einige fragen beispielsweise, was sich mit einem Ziegel alles machen läßt, und zählen dann schlicht die Einfälle ihrer Versuchspersonen.

Manche vergeben dabei noch Sonderpunkte für seltene und somit mutmaßlich originelle Antworten. Doch die Tests schaffen es nicht, Kreativität vorherzusagen - etwa ob einem Ingenieur patentwürdige Entwicklungen gelingen werden. Erst recht könnte kein Test die außergewöhnliche Begabung eines Picasso oder Beethoven verläßlich erkennen. "Die Eigenschaft bleibt mysteriös", notierte die Kreativitätsforscherin Gisela Ulman.

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Ziemlich unklar ist auch, unter welchen Umständen Menschen kreativ sind. So wartete noch 1980 das Lexikon der Psychologie mit dem erstaunlichen Befund auf, Kreativität finde sich "relativ häufig bei Analphabeten, Angehörigen von Völkern mit relativ gering entwickeltem Schulwesen und Kindern aus sozial schwachen Bevölkerungskreisen".

Denn die würden weniger konformistisch erzogen. Anderen Gelehrten, aber einer ähnlichen Logik zufolge verdirbt das Fernsehen die Kreativität von Kindern. Zweifel an solchen Befunden sind erlaubt.

Die Forscher sind auch nicht einig, ob die Kreativität mit dem Alter nachläßt. Einige Untersuchungen kamen zu dem Schluß, daß Wissenschaftler ihre bedeutendsten Arbeiten meist im Alter zwischen dreißig und vierzig leisten, doch andere Forscher konnten bis zum siebzigsten Lebensjahr keinen Rückgang feststellen.

Nicht zuletzt geht der Streit um die alte Behauptung des Aristoteles weiter, "kein Genie sei je frei von Wahnsinn gewesen". Zwar ist einigermaßen klar, daß dies für Wissenschaftler nicht gilt, doch geniale Künstler scheinen tatsächlich weit überdurchschnittlich oft an Geisteskrankheiten zu leiden. Der Psychiater Felix Post untersuchte die Biographien von fast dreihundert berühmten Geistern und stellte posthum Diagnosen nach modernen wissenschaftlichen Kriterien. Vor allem bei Schriftstellern fand er häufig klare Belege für psychische Störungen. Zu einem ähnlichen Befund kam die amerikanische Psychiaterin Kay Jamison. Sie untersuchte 48 britische Bildhauer, Maler und Dramatiker, die sämtlich der Königlichen Akademie angehörten oder wichtige Preise gewonnen hatten. Über ein Drittel waren wegen Gemütserkrankungen behandelt worden.

Vor allem Manisch-Depressive finden sich unter Künstlern extrem häufig. Kay Jamison spekuliert, daß ihnen vor allem in der von Hochstimmung gekennzeichneten manischen Phase besonders viele Ideen zufliegen. Bei dem Komponisten Robert Schumann stieg beispielsweise in seinen manischen Jahren die musikalische Produktivität steil an. Kreativitätsforscher Weisberg hält allerdings entgegen, daß Schumann dann zwar mehr komponierte, aber nicht besser. Es wäre ja auch ein Wunder, wenn es ausgerechnet für diesen Teil des Rätsels Kreativität eine klare Antwort gäbe.