Statt auf göttliche Eingebungen gehen selbst epochale Gedankenblitze auf ein letztlich einfaches Prinzip zurück: Ein kluger Kopf wendet das bekannte Wissen im Kopf hin und her, setzt die einzelnen Teile immer wieder neu zusammen, bis sie sich plötzlich zu einer neuen Idee fügen. Das braucht durchaus nicht bewußt zu geschehen, und das Ergebnis kann seinen Schöpfer völlig unvorbereitet treffen - trotzdem sind nur normale Denkprozesse am Werk, nichts Magisches.

Sachkenntnis ist auch für den zweiten wesentlichen Teil der Kreativität unabdingbar. Wer ein erfolgreiches Genie sein will, braucht nicht nur viele neue Einfälle. Er muß unter ihnen auch die erfolgversprechenden erkennen. "Wie kommt es, daß unter den tausend Produkten unserer unbewußten Tätigkeit einige dazu berufen sind, die Schwelle zu überschreiten, während andere draußen bleiben müssen?" fragte der Mathematiker Henri Poincaré. Die Auswahl ist keineswegs leicht.

Als Johannes Kepler den brillanten Einfall hatte, daß die Planeten sich auf elliptischen Bahnen um die Sonne bewegen, hielt er ihn zunächst für "eine Fuhre Mist". Und der Präsident der Linnéschen Gesellschaft berichtete über die Sitzungen des Jahres 1858, es habe keine besonderen Entdeckungen gegeben. Daß Charles Darwin seine Theorie der natürlichen Auslese vorgestellt hatte, schien ihm nicht weiter wichtig. Nur wer selbst gut Bescheid weiß, hat die Chance, den Wert einer Idee zu erkennen.

Diese moderne Theorie der Kreativität besitzt den Vorzug, ohne göttliche Eingriffe und andere Mysterien auszukommen. Das Problem ist nur, sie zu beweisen. Normalerweise belegen Forscher ihre Thesen, indem sie damit Vorhersagen treffen. Im Fall der Kreativität ist daran nicht zu denken. Neue wissenschaftliche Ideen lassen sich schlicht nicht vorhersagen, andernfalls könnten die Kreativitätsforscher sämtliche Nobelpreise gleich selber holen. Einen bestimmten Einfall experimentell herbeizuführen gelingt schon gar nicht.

Aber könnte man nicht dadurch demonstrieren, daß man die Natur der Kreativität verstanden hat, indem man die vermuteten Prozesse auf einem Computer simuliert und diese Maschine anschließend schöpferisch tätig wird? Solche Versuche hat es tatsächlich gegeben. Der Psychologe und Hobbypianist Philip Johnson-Laird entwarf ein Programm, das auf einem Synthesizer Jazz improvisiert - ungefähr auf dem Niveau eines begabten menschlichen Anfängers. "Obwohl es nicht so schnell mit Wynton Marsalis auf Tournee gehen wird, läßt sich kaum bestreiten, daß es in gewissem Sinn kreativ ist", lobte der New Scientist.

Ein anderer Versuch namens Eurisco wurde auf Computerchips angesetzt.

Die Software brachte tatsächlich patentreife Ideen hervor. Das Programm nahm auch an einem Kreativitätswettbewerb teil, bei dem die Teilnehmer Kriegsschiffe für eine simulierte Schlacht entwerfen mußten. Über Euriscos unkonventionelle Flotte lachten die menschlichen Konkurrenten herzlich, doch das Programm gewann mit ihr. Im nächsten Jahr holte es gleich noch einmal den ersten Preis. Dann durften Computer nicht länger mitmachen.