Sehnsuchtsbilder und Antikenträume: Ein halbes Jahrhundert lang produzierte Sir Lawrence Alma-Tadema diese Kunstware exklusiv und war begehrt damit in London, in Paris, München und Brüssel. Kupferstiche seiner schönen Bacchantinnen und dekadenten Römer hingen in Salons und Mädchenzimmern.Die aberwitzig teuren Originale zierten die Museen oder verschwanden in den Sammlungen von megareichen Industriemagnaten, in Südamerika, in Kanada, vor allem aber in England. Der Londoner Erfolgsmaler, dessen Bilder jetzt in Amsterdam zu sehen sind, war ein Import aus dem nördlichsten Friesland.Schon als kleiner Lourens träumte er davon, Künstler zu werden.Seine verwitwete Mutter und ein Apothekeronkel hatten für ihn allerdings die Notarslaufbahn geplant.Also studierte Lourens Jura und zeichnete nebenher, bis er unter der Doppelanstrengung zusammenbrach.Mag sein, daß er sich so seinen Traumberuf ertrotzte.Den Ärzten jedenfalls erschien die Krise ernst, sie di agnostizierten Schwindsucht.Das brach den Widerstand der Mutter.Sollte doch das Söhnchen in einem kurzen Leben seinen Willen haben. Zielstrebig ging der junge Mann von nun an seinen Weg.In seiner Karriere gab es (ganz anders als bei seinem Landsmann Vincent van Gogh) keine Fehlentscheidungen, keine Rückschläge, keine Zweifel. Nach dem Besuch der Kunstschule in Antwerpen arbeitete er erst in Brüssel, zog 1870 nach London, weil dort der Kunstmarkt für seine Bilder geeigneter war.Er suchte Freunde in den richtigen Kreisen und residierte wie die Malerfürsten Franz von Stuck oder Franz von Lenbach in dramatisch eingerichteten Atelierhäusern. Das "National Dictionary of Biography" notierte damals, jedes Museum der Welt, das auf sich halte, besitze wenigstens einen "Alma-Tadema". So viel Anerkennung hatte ihre Ursachen auch in Disziplin, Präzision und Fleiß.Tugenden, die gerade dem viktorianischen Bildersammler, dem hart kalkulierenden Wollimporteur, Chemiefabrikanten oder Bankier imponierten.Alma-Tadema malte effektiv.Erst 24, dann 54 Bilder hatte sein Entdecker, der Kunsthändler Ernest Gambart, bestellt.Der Künstler lieferte die georderte Stückware im Zeitplan. Über vierhundert Gemälde notierte Alma-Tadema in einem Öuvrekatalog, den er führte, um sich gegen Kopien zu schützen - eine gewaltige Menge, wenn man bedenkt, wie akribisch der Wahlengländer arbeitete. Auf seinen Leinwänden bot er einen Digest aus allem, was die Kunsttheorie der Jahrhundertwende beschäftigte.Ganz gleich, welches Stichwort uns einfällt, Alma-Tadema liefert Belege.Sagen wir Naturalismus, dann finden wir Terrakottaamphoren, die fast dreidimensional wirken und noch duffer aussehen als das reale Töpfermaterial.Suchen wir Beweise für die Kenntnis impressionistischer Anschauungsweisen, dann sehen wir die gewagten Bildausschnitte, die blitzlichthellen Einblicke ins Leben der Alten.K örperlose Köpfe und Hände, rabiat durchtrennte Leiber, mit solchem meisterhaft eingesetzten Stückwerk beschäftigt er die Imagination.Wie die Impressionisten hatte er bei den Photographen gelernt. Verlangen wir Dekadenz, wird er überheblich.Die überzivilisierte Gesellschaft des spätrömischen Reiches war schließlich sein Hauptsujet. Und dekadenter ging es nicht.Satt, kultiviert, schön faulenzen seine Pompejaner und Römerinnen auf weichen Kissen zwischen makellosen Skulpturen und blühenden Köstlichkeiten. Der Malerfürst war so modern, so aktuell, daß zu seinen Lebzeiten nur konservative Kritiker an seiner Kunst etwas zu mäkeln hatten. Wie John Ruskin, einer der namhaftesten, der sich über Alma-Tademas impressionistischen Umgang mit der Antike empörte.Gegenstand seines Angriffs war "A Phyrric dance".Auf dem Bild ließ Alma-Tadema griechische Krieger vor einer Schar mehr oder wenig gelangweilter Privatiers einen militärischen Tanz aufführen.Starke Untersicht, ein friesähnlicher Bildausschnitt und dann die kräftigen Männer in ihren figurbetonten Monturen, Varietétänzer mit hocherhobenem Rundschild.Für Ruskin glichen sie "Küchen schaben, die eine tote Ratte anpirschen".Der aufgebrachte Kunstrichter witterte blanken Materialismus und eine revolutionäre Gesinnung. Dabei konnte niemand Alma-Tadema Phantasterei vorwerfen.Generationen von Archäologen hatten in der Erde gestochert, gegraben, Zerbrochenes zusammengefügt und in Europas Museen geschafft.Alma-Tadema öffnete die Vitrinen, nahm gewissenhaft aufs Detail achtend die Beutestücke heraus, baute mit ihnen die antike Welt neu zusammen und bevölkerte das ausgestorbene Land mit römisch kostümierten Viktorianern. Aber wer vor den Bildern steht, schaut gar nicht auf die Menschen. Über dreißig weiß gewandete Mänaden hat der Holländer auf dem Prachtschinken "Die Frauen von Amphissa" versammelt, mit dem er auf der Pariser Weltausstellung 1889 eine Goldmedaille gewann. Doch sie können sich noch so photogen bücken und rekeln, der Betrachter ist von den kleinen lachsroten Fischen und perlmuttern schimmernden Muscheln fasziniert, die an einer Schnur im Hintergrund aufgefädelt sind.Er sieht sich satt an Gurken und Honigwaben, klopft auf den samtigweißen Marmor, befühlt die Tigerfelle.Keines der puppenhaft schönen Weiber glänzt so sinnlich wie der edelweiß schimmernde Porree auf den Leinwänden dieses Feinmalers. Pure Verschwendung nannten es die Moralisten, die sich in der Times beklagten, wie schnöde Alma-Tadema über all dem Glanz das düstere Schicksal der römischen Sklaven verleugne.Platte Dekadenz, räsonierten die Idealisten, die, noch immer in den Fußstapfen des großen Jacques Louis David, moralische, heldische Botschaften ans Publikum versenden wollten. Reine Lust, so schwärmten progressivere Geister, die die Rechte einer reinen Kunst gegen pädagogische Absichten verteidigten und außerdem die impressionistischen Flecken nicht mochten. Alma-Tademas Kunst überlebte die Launen des Zeitgeistes nicht. Mit seinem Tod erlosch auch sein Ruhm.Schon 1913, bei der großen Erinnerungsausstellung, diagnostizierte Roger Fry statt glänzender Technik "hoch parfümierte Seife".Fünfzig Jahre später bekam man für die Marmormalerei nicht mal mehr ein Butterbrot.Und auch heute zucken an Performance und Hard edge gewöhnte Kunstfreunde vor Alma-Tademas erröteten Wangen und marzipanweichen Körpern, den Dauer-Blüten und immer frisch gewischten Marmorböden schaudernd zurück. Trotzdem stellt das großartige Amsterdamer Van Gogh Museum jetzt seinen ganzen dritten Stock und Teile des zweiten einer Show dieses viktorianischen Edelkitsches zur Verfügung.Vielleicht, weil Alma-Tadema ein Zeitgenosse von van Gogh war.Auch der hatte sein Glück in London versucht.Als Assistent bei dem Kunsthandel Goupil's, der ein Vermögen mit populärer Salonmalerei verdiente. 1873, als Alma-Tadema die britische Staatsbürgerschaft annahm, kam van Gogh in London an.Doch er kehrte bald auf den Kontinent zurück. Als Alma-Tademas Sujets immer himmlischer wurden, malte van Gogh erdig dunkle Kartoffelesser und Tagelöhner. 1888, als der Malerfürst an seinem Meisterwerk, "Die Rosen des Heliogabalus", arbeitete, schnitt sich der Nervenkranke in Arles das Ohr ab.Der eine stieg zum erfolgreichsten holländischen Maler des 19.Jahrhunderts auf, dem anderen wäre seine posthume Karriere wie Teufelswerk erschienen. Zum Vergleichen hängen jetzt die Werke der ungleichen Kunststars in einem Haus. Möglich ist auch, daß im Amsterdamer Museum gewiefte Kunstmarktbeobachter sitzen, die registrieren, wie sich fünfzig Jahre nach Alma-Tademas Tod das Schicksal seiner Bilder wieder zum Besseren wendete.Mit dem Ölboom waren die Scheichs auf dem internationalen Kunstparkett erschienen und hatten ihre Mittelsmänner in die Auktionssäle von Sotheby's oder Christie's geschickt.Ein eigener Orientalistenmarkt etablierte sich, und die Marge auf dem Preisbarometer für Alma-Tademas Soap-operas kletterte von sechs-, sieben-, fünfzehntausend Pfund auf hundert-, zweihunderttausend Pfund und mehr.Auch das Van Gogh Museum reagierte trendgerecht und kaufte drei Alma-Tademas. Oder spüren die cleveren Amsterdamer einem Rechtsruck im Kunstgeschmack nach, der schon lange Solides, Handwerkliches, emotional Begreifbares einfordert?Während immer mehr Trendmagazine Kunstberichte ganz aus ihren Kulturrubriken verbannen, pilgerten letztes Jahr Hunderttausende zu 22 kleinen Vermeers, um einen Blick auf eine Milchkanne, ein Seidengewand, eine kleine gelbe Mauerecke zu erhaschen.Hat der Viktorianer nichts Ähnliches zu bieten?(Van Gogh Museum bis zum 2.März Katalog 57,50 Hfl)