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Wien Ein Wundertier nannte ihn der Nachrichten-Moderator. Er ist eine seltene Mischung: ein Finanzminister, dessen Popularität trotz eines Belastungspakets für die Bevölkerung zuletzt die des Bundeskanzlers übertraf ein roter Pragmatiker, mit dem auch Schwarze - Österreichs Christdemokraten - auskommen ein Mann des Volkes, auf den linksliberale Sozis und rechte Populisten gleichermaßen Hoffnungen setzen.

Mehr Wunder gefällig? Viktor Klima, ab nächster Woche Bundeskanzler der Republik Österreich, befürwortet öffentliches Eigentum und privatisiert es erfolgreich. Gute Figur macht er im Bierzelt und bei der partnerschaftlich geteilten Hausarbeit. Klimas vielleicht größter Nachteil macht sich zur Zeit besonders stark bemerkbar: Sein Name inspiriert Schreiber zu nervtötenden Wortspielen.

"Kronprinz? Das ist für mich eine Apfelsorte." Mit dieser Bemerkung hat der jetzt 49jährige Klima stets vermutete Aspirationen auf die Nachfolge Bundeskanzler Franz Vranitzkys zurückgewiesen. Anfang 1996 war Klima von Vranitzky zum Finanzminister bestellt worden.

Seit damals war zwischen den beiden Männern abgesprochen, daß Klima Vranitzkys Nachfolge antreten würde. Geschickt wußte Klima bis zu dem auch für ihn überraschenden Zeitpunkt des Vranitzky- Rücktritts jeden Anschein der Begehrlichkeit auf die Kanzlerschaft zu vermeiden.

Er habe einen anderen Lebensplan, teilte Viktor Klima allen mit, auch Franz Vranitzky, bis der ihm beschied: Ja, mach nur einen Plan, und ihn an die Spitze der Regierung stellte. So gern er das Wort Lebensplan im Mund führt: Sozialdemokrat zu werden, mußte er nicht planen. Sein Großvater war Austromarxist, sein Vater zog mit ihm des Nachts aus, um gegnerische Wahlplakate zu überkleben.

Der Sohn war von Kindesbeinen an in der Partei dabei, bei den Mittelschülern sehr aktiv, bei den Studenten nur noch Mitglied.

Als "knallrot bis in die Gene" hat er sich selbst charakterisiert.

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Dem Studenten der Betriebswirtschaft, der neben seinem Job in einer Firma für Automation und Unternehmensberatung abends lernte und gleichzeitig für seine Familie ein Haus baute, fehlte die Zeit für Politik. Als ihm später Kritiker seine lange Studiendauer von 32 Semestern vorwerfen wollten, fiel es ihm leicht, sie zu beschämen. Aber kann man es Lebensplan nennen, wenn man als jobbender Student zufällig in die staatliche österreichische Mineralölverwaltung ÖMV gerät und dort eine Bilderbuchkarriere macht, bis in den Vorstand?

Daß er dort geschafft hatte, 3000 Leute ab- und gleichzeitig gute Kontakte zur Gewerkschaft aufzubauen, blieb nicht unbemerkt. Kanzler Vranitzky suchte einen Manager, der die Privatisierung der verstaatlichten Industrie mit Anstand über die Bühne bringen konnte. So berief er Klima 1992 zum Verkehrsminister, der die Staatsindustrie umstrukturierte, sanierte und teilweise an die Börse brachte.

Derweil litt der Lebensplan: 1994 verließ ihn seine Frau, Mutter zweier gemeinsamer Kinder. Klima war schockiert. Als Workaholic hatte er in der Politikmühle übersehen, daß seine Ehe nicht mehr existierte. Inzwischen ist er wieder glücklich verheiratet. Mit seiner neuen Frau, einer sozialdemokratischen Lehrerin, hat er den Plan gefaßt, nur bis zum Jahr 2000 in der Politik zu bleiben.

Die Rede vom Lebensplan zeigt vor allem die Differenz zwischen der öffentlich dargestellten Person Viktor Klima und dem Privatmann.

Sein privates Leben geht über die üblichen Untiefen von Reihenhaus, Hund und Garten in der Kleinstadt Schwechat bei Wien nicht hinaus.

Die dort gepflegte Philemon-und-Baucis-Vision eines Lebens auf dem Bauernhof wurde nur aufgeschoben, weil es, wie Vranitzky anmerkte, demokratische Pflichten gibt, denen man sich nicht entzieht.

Seine öffentliche Rolle spielt Klima mit Lust und durchaus mit Methode. Er ist einer jener Polit-Schauspieler, die ihr Handwerk nicht vernachlässigen, obwohl reichlich Naturbegabung vorhanden ist. Zuallererst strahlt Viktor Klima Herzlichkeit aus. Das führt zu Mißverständnissen, zur kolportierten Duzfreundschaft mit Jörg Haider etwa, aus der eine aufgeregte Öffentlichkeit bereits Koalitionsspekulationen ableitet: Klima sei bereit, die regierende schwarzrote Koalition zu verlassen und mit der FPÖ Haiders zusammenzugehen. Deshalb habe er Haider auch über Details des umstrittenen Verkaufs der Creditanstalt an die Bank Austria vorweg informiert.

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Sehr wenig davon ist wahr. Klima mag Haider lächelnd begrüßen, wenn er ihn im Parlament von der Regierungsbank sieht wird er vor TV-Auftritten geduzt, duzt er zurück. Private Treffen zwischen den beiden hat es aber nicht gegeben. Das Medienphänomen Haider trifft in Klima auf einen ebenbürtigen Gegner, der bei aller Freundlichkeit nicht den von ihm mitgetragenen SPÖ-Beschluß vergißt, den Abgrenzungskurs gegenüber der rechtspopulistischen FPÖ beizubehalten. Klima ist nicht nur ein in der Wolle gefärbter Sozialdemokrat, sondern emotional gefestigter Antifaschist.

Als knapp achtzehnjähriger Schüler nahm er 1965 an einer historischen Demonstration gegen jenen Universitätsprofessor Borodajkewicz teil, der in seinen Vorlesungen offen Nazi-Ideologie propagierte.

Diese Demonstration, bei der der erste politische Tote der zweiten Republik zu beklagen war, hat weit mehr als der Mai 1968, in Wien eine flüchtige Affäre, viele Linke nachhaltig geprägt, darunter auch Viktor Klima.

Haider sei einer, sagte Viktor Klima einmal, der Eskimos Kühlschränke verkaufe und sie dann damit allein lasse. Klima selbst könnte ihnen die Kühlschränke ebenfalls verkaufen. Dann wüßten die Eskimos aber ihr Leben lang, was sie an ihren Kühlschränken haben. Nach dem Verkauf der Creditanstalt war der Finanzminister zu Gast bei der Industriellenvereinigung, die jenem konservativen Konsortium angehörte, das im Kampf um die Bank unterlegen war. Entsprechend kühl war der Empfang. Doch Klima verwandelte die Stimmung in kurzer Zeit beinahe in Euphorie für seine Person.

Seine Erscheinung beeindruckt. Er ist einer, dem man nachschaut.

Groß und fesch, meist mit strahlendem Lächeln, tritt er stets in blauem Anzug, weißem Hemd und meist roter Krawatte auf. "Meine Montur" nennt er das. Entscheidend für seine Wirkung aber ist die methodische Art, sich mit Problemen zu befassen. Seine Lernfähigkeit, die Schnelligkeit seiner Auffassungsgabe sind bemerkenswert, dank Kompetenz und Zahlengedächtnis versteht er es, auch schlechte Nachrichten wie das von ihm in Brüssel ausgehandelte Transitabkommen gut zu verkaufen. Mit seinem Detailwissen rang er perfekt vorbereitet dem TV-Virtuosen Haider in einer Wahlkampfdiskussion im Fernsehen zumindest ein Unentschieden ab. Mit seiner perfekten Vorbereitung gewinnt er meist bei Budget-Verhandlungen.

Parteifreunde hoffen nach dem als distanziert empfundenen Vranitzky in Klima jemanden zu finden, der gerne mit den Leuten redet. Er sei nicht populistisch, sondern populär, behaupten sie. Wieweit er mit seiner bisherigen Praxis bricht, Politik niemals gegen den Druck der mächtigen, rechtspopulistischen Kronenzeitung zu machen, wird sich weisen. Die teilt ihm bereits per Schlagzeile mit, welche linksliberalen Minister man nicht mehr zu sehen wünscht.

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Als Verkehrsminister vergab Klima übrigens die erste private Handy-Lizenz an eine Gesellschaft unter Beteiligung von Siemens und der Kronenzeitung.

Klima zeigt Freude an der Umsetzung von Reformen. Sein für zwei Jahre geschnürtes Sparbudget reduzierte das drohende Haushaltsdefizit Österreichs um rund vierzehn Milliarden Mark und brachte das Land zurück auf Maastricht-Kurs. Klima gilt als Anhänger der europäischen Währungsunion. Seine Vorgänger hatten die Privatisierung der zu achtzig Prozent in Bundesbesitz befindlichen Creditanstalt in sechs Jahren nicht geschafft, Klima brauchte dazu ein knappes Jahr.

Auf internationalem Parkett wird ihm seine Kontaktfreude sicher behilflich sein. Da wird die Republik unter dem Wechsel nicht zu leiden haben. Allerdings unterscheiden der alte und der neue Kanzler sich in Stilfragen. Die von Vranitzky gebuchte Loge des Opernballs hat Klima bereits abbestellt, weniger aus Gründen politischer Optik. Aber Viktor Klima ist kein Salonlöwe, eher ein Kumpel.

Salons sucht er vorzugsweise auf, wenn sie als Arbeitsplatz gelten.

In Österreich wird wieder in die Hände gespuckt.