Es gibt verschiedene Gründe, Kriminalromane zu lesen. Der dümmste wäre: der Spannung wegen. Kriminalromane sind professionell fad, und zwar deshalb, weil sie ihrem forcierten Ruf, spannend zu sein, folgen müssen. So geht es ihnen wie jenen Menschen, die umherlaufen, um allen zu verkünden: "Ich bin so glücklich, denn ich habe Gott gefunden." Das sind die unglücklichsten unter uns.

Kriminalromane arbeiten unverschämt mit Klischees. Aber von Klischees allein ließe sich das Publikum nicht begeistern. Ich vermute, der größte Reiz des Kriminalromans liegt in seiner einzigartigen Dialektik von Klischee und Originalität. Diese Dialektik ermöglicht es, daß es kaum eine andere Gattung gibt, deren Charakter sich so leicht mit einem Satz abbilden läßt. Donna Leons "Endstation Venedig" zum Beispiel beginnt mit geradezu Hegelscher Notwendigkeit: "Die Leiche trieb mit dem Gesicht nach unten im dunklen Wasser des Kanals." Janwillem van de Weterings Buch "Straßenkrieger" enthält natürlich auch einen derartig charakteristischen Satz.

Er lautet: "Der geliebte Onkel röchelt ein letztes Mal."

Es gibt viele Gründe, Weterings Bücher zu lesen. Der schwächste wäre wohl, in ihnen jene Spuren des Zen-Buddhismus zu verfolgen, dem der Autor, wie es sich gehört, gelassen obliegt. Man rühmt ihm nach, daß er seine "metaphysischen Ideen unaufdringlich und oft humorvoll und spielerisch mit den Strukturen der Kriminalgeschichte in Einklang" bringen kann.

Aber metaphysische Ideen, die sich nicht aufdrängen, sind von vornherein verdächtig, und daß sie außerdem noch mit irgend etwas, und sei es mit den Strukturen der Kriminalgeschichte, in Einklang gebracht werden, ist zuviel der Umstände. In dieser Welt muß sogar der Zen-Buddhist von etwas leben, und wenn er Krimis schreiben kann wie van de Wetering, dann braucht er den Geist des Zen nicht zu beschwören.

Von den Sätzen, die ein Konzentrat der Gattung sind, war schon die Rede. In "Straßenkrieger" gelingt van de Wetering der Dialog der Dialoge. Die Vorgeschichte: Weterings Buch heißt im Original "The Angel with Hollow Eyes". Darin klingt das "Metaphysische" an, gemeint ist aber eine sehr physische Phantasie: Der Commissaris träumt von der Fahrerin der Linie 2 in Amsterdam. Sie, die bei Tag - wie "eine Prostituierte im Schaufenster" aussehend - den Wagen lenkt, erscheint ihm in der Nacht als Todesengel, der nur Augenhöhlen und keine Augen hat. Das führt zum Dialog der Dialoge.

Die Frau des Commissaris lächelt über ihren Träumer nachsichtig: ",Genieße deine unartigen Träume nur, Jan.` - ,Es war eher wie ein mystischer Traum`, beharrte er. ,Mit einer besonderen Bedeutung.