Es heißt, der Han sei ein Fluß, der größte in Korea. Aber wenn gilt, daß ein Fluß Natur ist, wenigstens in Resten Natur ist, dann kann der Han kein Fluß sein, jedenfalls nicht auf seinem Weg durch Seoul.

Aus Beton sind die Ufer, die den Han glatt und akkurat einfassen.

Aus Beton sind die Brücken, die ihn in enger Folge überqueren und deren Betonbeine dicht gedrängt im Wasser stehen. Aus Beton ist auch die Hochstraße, die auf Stelzen ein Stück am Südufer entlangführt, den Han teilweise überbauend.

Am Ufer stehen weder Bäume noch Büsche. Baden kann man selbstverständlich nicht. Im Prinzip ist der Han tot. Man hört ihn auch nicht. Das einzige, was hier rauscht, ist der Verkehr auf den Brücken und der Hochstraße.

Als sich die Betonbauer über den Han hermachten, spielte es überhaupt keine Rolle, daß ein Fluß eine Annehmlichkeit fürs Auge sein kann, ein Lebensraum vor allem für die Freizeit. Es ging nur darum, den Han zu bändigen und den Bedürfnissen des Verkehrs anzupassen.

Dabei entstand ein an den Seiten, von oben und womöglich auch von unten einbetonierter Wasserlauf. Der Fluß ging verloren.

Wer länger in Seoul zu tun hat, muß den Fluß, der keiner ist, häufig überqueren. Es liegt dann irgendwann nahe, den Han für ein Symbol zu halten, ein Symbol für das, was in den vergangenen dreißig Jahren in diesem Land passiert ist.