Vor der Hinrichtung. Der Priester besucht den armen Delinquenten in seiner Zelle. Seltsamerweise ist der Gottesmann ziemlich übel gelaunt, der Todeskandidat aber ziemlich entspannt. "Was kann ich für Sie tun?" fragt also Monsieur Verdoux den frommen Boten - und zeigt sein bezauberndstes Lächeln. Kurz danach wird er die Zelle verlassen, ins Sonnenlicht schreiten, unerschrocken dem Tode entgegen.

1947, im Frühling, hat Charlie Chaplin "Monsieur Verdoux" vollendet.

Wahrscheinlich nicht seine beste Komödie, wie er selber stolz meinte, aber ein Meisterstück doch - verglichen jedenfalls mit anderen späten Werken, dem tränennassen "Rampenlicht" zum Beispiel.

Chaplin selber, 58 Jahre alt, ein ergrauter Jüngling mittlerweile, spielte die Titelrolle: jenen Herrn Verdoux, der seine Ehefrauen gleich im Dutzend aus der Welt schafft - und er hat dabei noch immer die leichtfüßige Grazie, die unwiderstehliche Frechheit des Stummfilm-Tramps, die einen sofort zum ruchlosen Komplizen des Frauenmörders macht.

Man muß Verdoux einfach lieben - und die Damen, die er abschlachtet oder vergiftet, muß man weiß Gott nicht maßlos bedauern. Ja, der Film verschafft einem ein gewisses gruseliges Vergnügen an ihrem schaudervollen Ende als habe jedes der armen Weiber lange genug gelebt als sei der größte Schrecken auf dieser Welt das obszöne Liebesrasen alter Damen. Mit welchem Monsieur Verdoux (der brave Mann!) endlich ein Ende macht.

Am leidgeprüften Berliner Ensemble hatte man nun die verwegene Idee, Chaplins fünfzig Jahre alten Film aufs Theater zu bringen - eine sogenannte Uraufführung also fand statt. Werner Schroeter hat inszeniert, Martin Wuttke (vormals Intendant des Hauses, noch weiter vormals Heiner Müllers umjubelter Arturo Ui) spielt Monsieur Verdoux, mit kahlgeschorenem Schädel, scharf rasiertem Knebelbärtchen - und er spielt ihn wahrlich anders als Chaplin. Aber leider auch schlechter.

Kein manierlicher älterer Herr, kein lächelnder Gebieter über Leben und Tod ist nun Verdoux, sondern ein ewig Gehetzter, Verwirrter, ein Verlierer von der ersten Sekunde an. Ein Mensch, dessen Motoren rasen: unaufhörliches Kopf-Rucken, Lippen-Lecken, Augen-Kreisen, Zähne-Zeigen. Und immer wieder stößt die Zunge wie bei einem hungrigen Reptil weit hinaus in die Luft.