Berlin Er könnte Volksschullehrer sein oder Feinmechaniker in einer Uhrenfabrik.

Womit Rif Achmetganeew tatsächlich 26 Jahre lang seinen Lebensunterhalt verdient hat, kann man nicht erraten. Der schmale, bescheiden wirkende Mann war Berufssoldat in der Roten Armee. Und genau deshalb wurde ihm nach seiner Anhörung im Asylbundesamt ein Laufzettel mit drei Zimmernummern in die Hand gedrückt. Hinter den Türen ohne Namensschild erwarteten ihn zuvorkommende Herren. Sie interessierten sich sehr für Achmetganeews einstigen Arbeitgeber, die Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte im ehemals sozialistischen Deutschland.

Der 47jährige Oberstleutnant hatte seinen Arbeitgeber kurz zuvor unter abenteuerlichen Bedingungen verlassen.

Fast einen Tag lang wurde der Fahnenflüchtige befragt: vom Bundesnachrichtendienst, von der CIA, vom britischen Sicherheitsdienst. "Abschöpfen" heißt das in der Geheimdienstsprache. "Routinegespräche" nennt es jetzt das Bundesamt. Tatsächlich war die Weitervermittlung von Asylbewerbern an die Nachrichtendienste jahrelang Routine.

Die freundlichen Herren horchten Rif Achmetganeew aus über militärische Strukturen und Waffensysteme, über geheime SS-20-Standorte und Panzer, die im Depot Frankfurt/Oder unter seiner Obhut standen.

Dann stempelten sie den Laufzettel ab und verabschiedeten den Deserteur mit aufmunternden Worten: Mit seinem Asylantrag, das werde schon klargehen.

Nichts ging klar. Im April 1996, nach fünf Jahren des Wartens, erhielt Achmetganeew den ablehnenden Bescheid. Ein Schreiben, wie es die Asylentscheider in den vergangenen Monaten gut tausendmal an russische Deserteure und deren Angehörige schickten: "Die Antragsteller können nicht glaubhaft machen, daß sie sich aus asylerheblichen Gründen außerhalb der Russischen Föderation aufhalten."