So entledigt sich die Politik jetzt unbequemer "Altlasten" des Kalten Krieges. Jahrelang waren die Asylgesuche auf Eis gelegt worden - bis der Bundesinnenminister den Entscheidungsstopp 1996 aufhob und es bald darauf Ablehnungen hagelte. Die jüngste Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage von Bündnis 90/Die Grünen dokumentiert: 63 russische Deserteure erhielten mitsamt ihren Familienangehörigen politisches Asyl. 1025 Anträge wurden abgelehnt.

Rund 600 Fahnenflüchtigen der ehemaligen Westgruppe, so die Schätzungen, droht damit die Abschiebung, wenn die Gerichte nicht einschreiten.

Doch die Justiz hat sich durch höchstrichterliche Rechtsprechung enge Grenzen gezogen. Nach einer Grundsatzentscheidung des Bundesverwaltungsgerichts gilt die Bestrafung von Deserteuren als legitimes Mittel zur "Aufrechterhaltung der Verteidigungsfähigkeit und Sicherung der Wehrpflicht". Nur in extremen Ausnahmefällen sei sie "asylrelevant". Und so heißt es auch in Achmetganeews Ablehnungsbescheid: Eine zu erwartende Bestrafung "stellt keine politische Verfolgung im Sinne des Asylrechts dar".

Mit Freiheitsstrafen zwischen drei und sieben Jahren - je nach Dienstgrad - müssen abgeschobene Deserteure in Rußland rechnen.

Die Haftbedingungen dort beschrieb der UN-Sonderberichterstatter für Folter 1994 mit drastischen Worten: "Der Geruchs-, Geschmacks-, Tastsinn und das Sehvermögen werden auf das widerwärtigste angegriffen.

Die Bedingungen sind grausam, unmenschlich und erniedrigend. Sie kommen der Folter gleich." - "Äußerst bedenklich" sind die Verhältnisse auch nach Einschätzung des Auswärtigen Amtes, doch seien sie dem "desolaten allgemeinen Zustand des russischen Strafvollzugs" geschuldet und keine "gezielt unmenschliche Behandlung".

Unmenschliche Behandlung möchte Achmetganeew auch nicht ungezielt ertragen müssen. Nach der "Abschöpfung" durch die westlichen Geheimdienste müssen er und seine desertierten Kameraden zusätzliche Verfahren wegen Staatsverrats und Spionage fürchten. Darauf stehen zwölf bis zwanzig Jahre Gefängnis. Auch diese drakonischen Strafen, so befindet das Asylbundesamt, begründeten keine politische Verfolgung - Geheimnisverrat sei auch in Deutschland strafbar. Aber: "Die Bundesregierung hat sich der Anstiftung und Beihilfe zum Geheimnisverrat schuldig gemacht", sagt der Münchner Rechtsanwalt Albrecht Göring, der Deserteure vertritt, "und nun sollen die Deserteure dafür büßen."