Bonn

Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt! Hausvater Kohl hat dies zur Maxime seines Handelns gemacht. Und im Prinzip ist er damit auch gar nicht so schlecht gefahren.

Mit der "größten Steuerreform der letzten Jahrzehnte", wie Theo Waigel das Wunderwerk prophylaktisch schon einmal nannte, bevor es vereinbart war, sollte das ähnlich ablaufen. Diese Methode, sagt Peter Müller, Vorsitzender der CDU-Fraktion im Saarbrücker Landtag, "Friß, Vogel, oder stirb!", hätten er und andere Parteifreunde nicht mehr mitmachen wollen. Gemeint ist die "Fünferbande", neben ihm die jüngeren CDU-Landes- oder Fraktionschefs aus Wiesbaden, Hannover, Stuttgart, und Hamburg, also Roland Koch, Christian Wulff, Günther H. Oettinger und Ole von Beust. Nicht nur Christian Wulff, der voranmarschierte und dafür von Kohl besonders drastisch abgekanzelt wurde, sie alle machten in freundschaftlicher Harmonie, aber nicht konzertiert, wie sie beteuern, Front gegen eine Steuerreform, die den Namen nicht verdiene und allenfalls als Mehrwertsteuererhöhung in die Geschichte eingehe.

Er wisse doch selbst nicht, was am Ende herauskomme, er, der Kanzler und Vorsitzende! blaffte Helmut Kohl den Hannoveraner Parteifreund vor der Fernsehnation an. Er warte doch auch ab, was beschlossen werde. Kein Verständnis habe er für "persönliche Profilierungsversuche".

Noch empörter Theo Waigel: "Unanständig und hinterfotzig" nennt er Wulffs Kritik. Nicht gegen ihn, gegen Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble ziele in erster Linie diese gemeine Attacke. Ach so!

Das grundsätzliche Dilemma der Kohlschen Politik reflektiert sich darin: "Reformen" werden im trauten Koalitionszirkel austariert.

Zu mehr, zu öffentlichem Verhandeln, gar zum Austesten von Alternativen, reichen die Kraft und der Atem der Koalition nicht. Das kann man sogar noch verstehen. Andererseits läßt sich das Kompromißpaket, von dem Kohl sagt, es stehe nun frei zur Diskussion, auch nicht mehr korrigieren. Politik verkümmert auf diese Weise fast ganz zu Public Relations.