Für Georg Blohm, einen reichen Lübecker Kaufmann, war der Berufswunsch seines Sohnes Hermann völlig unverständlich. Der nämlich hatte es sich in den Kopf gesetzt, Schiffbauingenieur statt Kaufmann zu werden. Doch damit nicht genug: Nach seiner Ausbildung lieh sich der 29jährige bei seinem Vater rund eine halbe Million Mark für einen riskanten Plan: den Bau einer Werft für Dampfschiffe nach englischem Vorbild - die erste in Deutschland. Als Partner für seine revolutionäre Idee hatte er Ernst Voss, einen 35jährigen Maschinenbauer, gewonnen. Der brachte viel Know-how ein, aber keinerlei Kapital.

Am 5. April 1877 war der erste Spatenstich, am 12. Januar 1878 "begann das große Schwungrad bei Blohm & Voss zum erstenmal sich zu drehen", wie es in einer Firmenchronik heißt. Blohm reichte Voss ein Glas Champagner. "Jetzt können die Aufträge kommen."

Doch genau damit haperte es. Erst am 17. Oktober 1878 orderte die Stade-Altländer Dampfschiffahrtsgesellschaft- und Rhederei-Gesellschaft einen kleinen Raddampfer. Und nutzte die Not der jungen Werfteigner gnadenlos, um einen Knebelvertrag durchzusetzen.

Unter anderem war darin festgelegt, daß das Schiff, sofern es weniger als elf Knoten führe oder mehr als 550 Pfund Kohle pro Stunde verbrauche, nicht abgenommen werde. Daß die Auftraggeber es ernst meinten, machten sie bei der Probefahrt klar: Der Vorsitzende der Dampfschiffahrtsgesellschaft saß währenddessen in Hemdsärmeln im Heizraum und zählte persönlich, wieviel Kohlensäcke verfeuert wurden. Die Säcke hatte er vor Fahrtbeginn einzeln gewogen.

Die Reeder konnten sich solches Gebaren leisten: Es herrschte - nach einem Boom in den Vorjahren - gerade mal wieder Flaute am Schiffahrtsmarkt. Um überhaupt zu überleben, nahm Hermann Blohm Aufträge fast zu jeder Bedingung an, egal ob sie sich rechneten oder nicht: Von 36 Neubauten, die bis 1885 vom Stapel liefen, brachten nur 9 einen Gewinn.

Aufträge um beinahe jeden Preis akquirieren Blohm & Voss auch heute wieder - knapp 120 Jahre später. Aber nicht nur die Hamburger Traditionswerft baut und repariert Schiffe mit Verlust. Auch fast alle anderen Werften in Deutschland haben Schwierigkeiten. "In dem Markt verdient kaum einer noch etwas", sagt Volkhard Maier, Geschäftsführer des Verbandes für Schiffbau und Meerestechnik.

Die Ordereingänge sind dramatisch geschrumpft. Während die Branche 1995 Aufträge für 10,7 Milliarden Mark verbuchte, registrierten die Werften bis September - neuere Zahlen gibt es noch nicht - noch Neubaufträge im Volumen von 1,9 Milliarden Mark. Für 1997 sieht es auch nicht rosig aus.