Belgrad Die Belgrader Demonstranten nennen den serbischen Staatsklüngel die "roten Räuber". Am vergangenen Wochenende haben sie ihn nach Art der Bremer Stadtmusikanten von Hundertschaften mitgeführter Hunde verbellen lassen. Indessen läßt das brutale Vorgehen der Sonderpolizei in der Nacht zum Dienstag befürchten, daß die jugoslawische Führung nach mehr als zwei Monaten Protestbewegung weniger ein Fall für die Menagerie als vielmehr für die Psychiatrie ist. Ironie und tiefere Bedeutung, aber auch die Gefahr eines Endes mit Schrecken deuteten jene Psychologiestudenten am treffendsten an, die schon vor Wochen auf einem Transparent Slobodan Milosevic und seiner Frau Mira Markovic kostenlose Therapien empfahlen.

Inzwischen hat die "serbische Staatsehe" zur kaum noch kaschierten Spaltung der Regierungspartei geführt. Zum ersten Mal ist die Belgrader Führung selbst noch weniger einig als das bunte Protestgewoge der sympathisch-naiven Studenten, der befreit mitlaufenden Bürger und der politisch changierenden Oppositionsführer. Der Haß auf Mira Markovic, die hinter den Kulissen das harte Lager der Unnachgiebigen zusammengezogen hat, eint fast alle - selbst Teile der Sozialistischen Partei (SPS) von Slobodan Milosevic.

Am Wochenende hat die Frau des Präsidenten - und nicht er selbst - in mehreren Beiträgen für regimetreue Blätter vor einem Bürgerkrieg gewarnt. Der würde das Ende der Nation bringen und die Serben zu europäischen Kurden machen, "verstreute, verbannte Rächer".

Mit diesen Appellen treibt die 54jährige Soziologin und Schmalspur-Marxistin in Wirklichkeit ihre Anhänger zum Schulterschluß. Denn die entscheidende Auseinandersetzung über das noch unbestimmte Ende des friedlichen Bürgeraufstands findet jetzt innerhalb des Führungsclans statt.

Die Hardliner der im Frühsommer 1994 von und für Mira Markovic gegründeten Sammelbewegung Jugoslawische Linke (JUL) zerstören die halbherzigen Beschwichtigungsgesten der schweigenden Mehrheit der SPS, die keinen Sprecher hat. Milosevic selbst schwankt und schweigt. In den nunmehr 65 Tagen der Umzüge und Protestmärsche hat sich der frühere Populist, der - ähnlich wie einst Nicolae Ceauçescu - für einen wirklichen Volkstribun zu verklemmt ist, nur einmal vor Jubel-Serben gezeigt.

Mitte vergangener Woche war es zum ersten öffentlichen Showdown zwischen den Flügeln gekommen. Die Mannen von Mira Markovic putschten gegen die Taktierer der SPS. Die harte Front schloß sich gegen die verhandlungsbereiten Aufweichler, die den Studentenstreik durch Zugeständnisse beenden und dadurch die Oppositionsparteien auf den Straßen isolieren wollten. Zwei Vizepremiers hatten den Studentenführern signalisiert, daß die Belgrader Wahlfälschungen korrigiert und der kompromittierte Uni-Rektor Dragutin Velickovic relegiert würde.

Der Universitätsrat jedoch, in dem die Mitglieder der Regierungsparteien die Mehrheit über fast ebenso regimetreue Professoren haben, bestätigte das JUL-Mitglied Velickovic im Amt. JUL, das Selbstbedienungsimperium der Mira Markovic, hatte zurückgeschlagen. Der Konflikt zwischen JUL und Teilen der SPS unterhöhlt die Taktik des Präsidenten, Zeit zu gewinnen und die Energie der Demonstranten zu erschöpfen.