Die Geschichte hat alle Zutaten, um die Herzen eines Millionenpublikums zu rühren. Verzweifelt wartete Nicola Horlick, eine junge Mutter von fünf Kindern, in der vergangenen Woche vor der Tür ihres früheren Arbeitgebers. Sie wollte ihren Job zurück, von dem sie nach fünf Jahren überraschend suspendiert worden war. Doch die Chefs blieben unnahbar. Der eine war noch rechtzeitig aus dem Haus verschwunden, der andere verschanzte sich in seinem Büro und lehnte jedes Gespräch ab.

Tagelang war der Fall der 36jährigen Nicola Horlick das Thema für die Titelseiten der britischen Presse - auch wenn die Geschichte als soziales Rührstück eigentlich wenig taugt. Ihr verlorener Job als Fondsmanagerin bei der Morgan Grenfell Asset Management (MGAM) war nämlich mit über zweieinhalb Millionen Mark dotiert, und alternativ - so Horlick - wäre sie auch mit einer Abfindung von acht Millionen Mark zufrieden.

Gleich nach ihrer Entlassung hatte sie den umtriebigen Public-Relations-Berater Anthony Cardew engagiert - und fand sich prompt von Journalisten und Kameraleuten umringt. Minutiös zeichneten die Medienvertreter jeden ihrer Schritte auf: Wie sie am Morgen erst noch ihre Kinder versorgte, wie sie dann mit bleichem Gesicht und knallrotem Lippenstift an ihren alten Arbeitsplatz am Finsbury Circus stürmte ("Wenn Sie mich anfassen, rufe ich die Polizei").

Am frühen Nachmittag steckten auch die Banker in Frankfurt mitten im Geschehen. Horlick setzte sich mit ihrem Pressetroß in die Mittagsmaschine und verlangte in der Mainmetropole ein Gespräch mit ihren obersten Vorgesetzten - dem Vorstand der Deutschen Bank.

MGAM ist schließlich ein Tochterunternehmen der traditionsreichen Londoner Investmentbank Deutsche Morgan Grenfell (DMG), und die gehört ihrerseits seit 1989 zum Konzern der Deutschen Bank. Doch außer einem angeblich ergebnislosen Gespräch mit der Rechtsabteilung zog sie erfolglos von dannen.

Ohne den spektakulären Medienauftritt könnte der Fall nach den Standards der Londoner Finanzwelt eigentlich zum Alltagsgeschäft gehören: Horlick war entlassen worden, weil sie nach der Meinung ihrer Chefs gleichzeitig mit vierzig Mitarbeitern zur niederländischen Konkurrenzbank ABN Amro wechseln wollte. Die Kundschaft habe sie dabei gleich mitnehmen wollen. Acht ihrer ehemaligen Kollegen haben diese Vorwürfe inzwischen schriftlich bestätigt.

Ein solches Vorgehen ist der Deutschen Bank selber nicht ganz unbekannt. Besonders zu Beginn der neunziger Jahre warb Deutschlands größtes Geldhaus massiv Personal von Konkurrenzbanken ab, um unter der Leitung des umtriebigen Michael Dobson sein Investmentgeschäft in der Londoner City zu expandieren. Es hagelte Proteste darüber, daß die Deutschen ganze Etagen von Topleuten mit Riesensummen leerkauften. Das Wort "Scheckbuch-Banking" machte die Runde. Jetzt ist sich die Branche einig: Wäre Horlick weniger publikumswirksam aufgetreten und hätte die Angelegenheit ihrem Anwalt überlassen, sie hätte wohl mit einer großzügigen Abfindung davonkommen können.