BERLIN. - In einer Nacht pro Woche ist fast alles wie früher, wie in der DDR: der Eintrittspreis, die Getränke, die Musik.Denn seit nunmehr zweieinhalb Jahren startet jeden Freitagabend in der Kulturbrauerei im Bezirk Prenzlauer Berg eine Party, die es sehr genau nimmt mit einem längst verhallten Befehl: Bis 1989 galt eine Anweisung des DDR-Kulturministeriums für die "Aufführung von Tanzmusik".Mindestens sechzig Prozent aller Lieder, die im Radio oder in Jugendklubs gespielt wurden, mußten von "Kompon isten mit Wohnsitz in der DDR oder anderen sozialistischen Ländern" stammen.Höchstens vierzig - ebenfalls zensierte - Prozent durften aus dem "nichtsozialistischen Ausland" kommen. 60 : 40 wurde die Anweisung genannt, und sie war unbeliebt.Viele "S challplattenunterhalter" - wie Discjockeys heißen sollten, aber nie hießen - haben sich in den Jugendklubs nicht an die Order gehalten. Jetzt stimmt die Mischung wieder.Rund 700 Gäste gehen jeden Freitag mit Karat "Über sieben Brücken", tanzen schwitzend zu Nina Hagens "Ich hab' den Farbfilm vergessen, mein Michael", trinken Club-Cola oder Rotkäppchen-Sekt und singen sogar die Oktoberklub-Hymne "Sag mir, wo du stehst".Und die drei Mark und zehn Pfennig entsprechen dem alten Eintrittspreis.Doch während der Extragroschen früher an den Kulturfonds der DDR ging, sind es heute Peter Bethke und Uwe Lipphold, die von ihm pr ofitieren. Im Frühjahr 1994 waren die beiden ostdeutschen Mittdreißiger auf die Idee gekommen: ein Abend wie in Jugendklub-Zeiten, inklusive 60 : 40-Order.Beim ersten Mal, im Sommer desselben Jahres, kamen 150 Gäste in die ausgediente Kantine der ehemaligen Brauerei, heute sind beide Initiatoren beinahe enttäuscht, wenn sie weniger als 600 Besucher zählen.Ihre jüngsten Gäste sind achtzehn, die ältesten über fünfzig Jahre alt."Ost rock test the west" heißt die Party, bekannter ist sie schlicht als 60 : 40, obwohl alle zwei Wochen sogar 90 : 10 gespielt wird - auch Lieder, die vor der Wende verboten waren.Aus der Idee ist ein lukratives Geschäft geworden, sagt Bethke: "Wir können sehr gut davon leben." Was treibt die Tänzerinnen und Tänzer - sieben lange Jahre nach dem Ende der DDR - wieder zur Musik eines untergegangenen Staates? Wieso erobern jene Bands, die die Wendewirren überlebten oder sich nun erneut zusammenfinden, mit ihren CDs die Musikläden im Osten?Warum scheint die DDR im Rückblick immer schöner zu werden? Wie die meisten Besucher möchte Cosima von politischen Gründen nichts wissen.Sie blickt zwanzig Jahre zurück: ",Am Fenster` von City.Da denke ich an die Spreewaldkneipe in Schöneiche.In einem riesigen Tanzsaal haben die gespielt, da ging die Post ab. Ich war vierzehn damals."Und immer wieder heißt es: "Damit bin ich groß geworden", "Bei meinen Eltern lief das oft" oder "Das haben wir früher nicht gemocht, aber wenn wir's heute hören, denken wir: Mensch, das kennst du doch!"Manche der Jüngeren sehen die Party als Satire, die Älteren sagen, daß mit der Musik Erinnerungen an die schönen Seiten der Vergangenheit zurückkehren - an die Jugendklubs zum Beispiel, an den Ostseeurlaub, an die erste Liebe. Und so lassen die Besucher jeden Freitag ihre Biographien vertonen. Ja, was Privates angeht, könne das wirklich Ostalgie sein, sagen sie, schließlich sei außer den Erinnerungen nicht viel geblieben. Aber politischer Protest?Nein.Sehr groß sei der Unterschied zu einer Siebziger-Jahre-Party in Köln oder Hamburg nicht. Rote Extremisten offenbaren sich tatsächlich äußerst selten bei 60 : 40 - zur Enttäuschung einiger Fernsehsender, die in der Kulturbrauerei oftmals fröhliche Urständ des Sozialismus wittern."Die rücken fast regelmäßig um den 3.Oktober oder um den alten Tag der Republik hier an und wollen DDR-Fahnen und blaue FDJ-Hemden filmen", sagt Bethke.Immer wieder zogen die Journalisten mit leeren Händen ab.Daß mancher Bericht trotzdem reißerisch ausfiel, hat Bethke kaum geärgert: "Die haben doch noch richtig Werbung für uns gemacht." So hat sich die Ostparty längst im Westen herumgesprochen.Was die Gäste angeht, lautet das Verhältnis bei 60 : 40 mittlerweile 70 : 30.Die meisten Besucher aus Berlins Westen kann Bethke nicht mehr von denen aus dem Osten unterscheiden, "aber viele Touristen, die hier nur mal DDR gucken wollen, die verraten sich noch heute".An der Bar - wenn sie versuchen, Bier aus den neuen Ländern zu bestellen."Da kommen unglaubliche Wortschöpfungen zustande", sagt Bethke, "das reicht von Ratzeberger bis zu Werners Grünes."Spätestens dann denkt sich mancher Barkeeper, daß es doch eher einige Westdeutsche sein könnten, die noch nicht klarkommen mit der Einheit.